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Inhalt archiviert am 2023-03-02

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Im Schatten des Vulkans

Im Jahr 79 n.Chr. beschrieb der Schriftsteller Plinius der Jüngere in einem Brief an seinen Freund, den römischen Historiker Tacitus, den Ausbruch des Vesuv. Bei dem Ausbruch, der die Städte Pompeji und Herculaneum vollständig unter einer Asche- und Steinschicht begrub, kam Pl...

Im Jahr 79 n.Chr. beschrieb der Schriftsteller Plinius der Jüngere in einem Brief an seinen Freund, den römischen Historiker Tacitus, den Ausbruch des Vesuv. Bei dem Ausbruch, der die Städte Pompeji und Herculaneum vollständig unter einer Asche- und Steinschicht begrub, kam Plinius der Ältere, der Onkel des jüngeren Plinius, ums Leben. Der Brief ist die älteste erhaltene Schilderung eines Vulkanausbruchs. Fast 2.000 Jahre und mehr als 30 Eruptionen später hat der Vesuv die fragwürdige Ehre, aufgrund der hoch explosiven Ausbrüche und der vielen Menschen, die in seiner Umgebung leben, der risikoreichste Vulkan der Erde zu sein. Der Mann, der für die Risikobewertung des Vesuv verantwortlich ist und für den Schutz der Menschen, die durch einen Ausbruch in Gefahr geraten würden, ist Franco Barberi, einer der weltweit führenden Vulkanologen und von 1995 bis 2001 italienischer Minister für Zivilschutz. Bei seinem Vortrag im Rahmen des Euroscience Open Forum in München skizzierte er die Gefahr, die der Vesuv für die Menschen darstellt, die in seinem Schatten leben, und welche Maßnahmen die italienischen Behörden zum Schutz dieser Menschen ergreifen. Die erste Aufgabe der Zivilschutzbehörde war es zu ermitteln, welche Arten von Ausbrüchen vom Vesuv zu erwarten sind. Zu diesem Zweck befassten sich die Experten einmal genauer mit die Geschichte des Vulkans. Dokumente, einschließlich des Briefs des Plinius, und andere Zeugnisse belegen, dass der Vulkan verschiedene Phasen durchläuft: Zeiten häufiger aber weniger intensiver Ausbrüche wechseln sich mit Ruhephasen ab, in denen zwar insgesamt wenige Aktivitäten zu verzeichnen sind, es jedoch immer wieder zu ungemein gewaltigen Ausbrüchen kommt. Je länger die Ruhephasen andauern, desto mehr Energie staut sich auf, die sich dann in den Ausbrüchen entlädt. Seit seinem letzten Ausbruch im Jahr 1944 war der Vesuv sehr still - was für Professor Barberi bedeutet, dass die nächste Eruption, wann immer sie kommen mag, enorm sein wird. Mit welchen Gefahren müssen also die Menschen vor Ort rechnen, und was können sie tun? Das gefährlichste vulkanische Phänomen ist der so genannte pyroklastische Strom, eine Wolke aus Gas, Asche und Gestein, die mit einer Geschwindigkeit von mehr als 100 km/h den Hang des Vulkans hinabrast und sich über die Landschaft ergießt. Aufgrund des hohen Drucks reißt der Strom alles, was sich in seinen Weg stellt, mit. Modelle, die im Rahmen des von der EU geförderten EXPLORIS-Projekts erstellt wurden, deuten darauf hin, dass ein pyroklastischer Strom nur fünf bis sechs Minuten braucht, bis er von den Hängen des Vesuv das etwa sieben Kilometer entfernt liegende Meer erreicht. Eine weitere ernsthafte Gefahr für die Menschen um den Vesuv ist der so genannte Lahar, ein Schlammstrom. Lahare entstehen, wenn starke Regenfälle, die Vulkanausbrüche oft begleiten, Aschesedimente an steilen Hängen lösen, die dann lawinenartig ins Tal schießen. Mehr als eine halbe Million Menschen im Schatten des Vesuv sind von pyroklastischen Strömen und Laharen bedroht. Dieses Gebiet ist im Vesuv-Notfallplan als Rote Zone klassifiziert, das heißt, die Menschen, die dort leben, müssen vor dem Ausbruch evakuiert werden. Eine geordnete Evakuierung, so Barberi, dauere aufgrund der vielen betroffenen Menschen und der schwach ausgebildeten Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur in dem Gebiet sieben Tage. Jeder italienischen Region wurde eine Gemeinde in der Roten Zone zugewiesen, das heißt, im Falle eines Ausbruchs begeben sich die Menschen in ihre jeweilige Partnerregion. Aber nicht nur die Menschen werden evakuiert, sondern auch die lokalen Behörden, Schulen und Ärzte, die dann im Exil wie gewohnt zur Verfügung stehen. Die Behörden halten regelmäßig Übungen ab, um die Verbindungen zwischen den Vesuv-Gemeinden und ihren Partnerregionen zu stärken. Jenseits der Roten Zone sind Menschen und Gebäude ebenfalls von dem Asche- und Gesteinregen bedroht, der aus dem Vulkan geschleudert wird. Ort und Ausmaß dieser Gefahr werden jedoch in hohem Maße von der Windrichtung und -geschwindigkeit abhängen. Die Menschen in diesen Gebieten werden sofort nach Beginn eines Ausbruchs evakuiert. Langfristig planen die Behörden, die gesamte Rote Zone dauerhaft zu entvölkern. Ein Problem dabei ist die Tatsache, dass der Vulkan viel zu lange ignoriert wurde und dass die illegale Bebauung des Gebiets schon viel zu lange ungehindert vor sich geht. Im Jahr 2003 wurde ein Programm gestartet, um die Anzahl der Menschen, die in der Roten Zone leben, sukzessive zu reduzieren. So wurden Neubauten jeglicher Art verboten, und Gebäude, die ohne Genehmigung errichtet wurden, werden abgerissen. Finanzielle Anreize sollen Familien zu einem Umzug aus der Roten Zone bewegen, und außerhalb des Gefahrengebiets wurden neue Häuser für sie gebaut. Bis jetzt haben 35.000 Menschen das Angebot angenommen. Die Behörden versuchen darüber hinaus mit Aufklärungskampagnen die Menschen in der Roten Zone über die Gefahren des Vulkans zu informieren. Ingenieure untersuchen auch, ob sich die Bebauung in dem Gebiet auf den pyroklastischen Strom auswirkt - eine Aufgabe, die jedoch nur vorsichtig verfolgt wird, da man nicht möchte, dass die Menschen denken, sie könnten während eines Ausbruchs in ihren Häusern bleiben. In der Zwischenzeit erforschen Professor Barberi und andere Vulkanologen den Vesuv weiter, damit sie ihre Modelle über den möglichen nächsten Ausbruch noch verfeinern können. Die größte Herausforderung besteht für die Lokalbehörden darin, die Menschen, die im Schatten des Vulkans leben, zu überzeugen, dass der Vesuv eine Gefahr für Leib und Leben darstellt.

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