Projekte verdeutlichen Rolle der Wissenschaft in der Meerespolitik
Die wichtige Rolle, die der Forschung in der europäischen Meerespolitik zukommt, wurde auf einem technischen Briefing hervorgehoben, das am 14. Juni bei der Europäischen Kommission in Brüssel stattfand. Dort wurden mehrere von der EU finanzierte Meeresforschungsprojekte vorgestellt. Bei Sektoren, die zu unserer Wirtschaft beitragen, denkt man in der Regel nicht zuerst an das Meer und die Seeindustrie. Nach Angaben der Kommission werden jedoch 40 Prozent des BIP der EU in Meeresregionen erwirtschaftet, während fast 90 Prozent des Außenhandels auf dem Seeweg abgewickelt werden. Auf den Küstentourismus entfallen 5 Prozent des gesamten BIP und dieser Bereich wächst jährlich um 3 Prozent. Wie bei allen natürlichen Ressourcen gibt es jedoch auch Grenzen. Laut Schätzungen sind 70 Prozent des Bestands der kommerziell genutzten Fischarten überfischt und die zunehmende Verschmutzung der Küstengewässer bedroht die Artenvielfalt der Meere, die menschliche Gesundheit und die Einkommensaussichten der Freizeit- und Erholungsbranche. 2006 veröffentlichte die Kommission ein Grünbuch zur künftigen Meerespolitik in Europa, in dem sie einen umfassenderen Ansatz dieser wertvollen Ressource gegenüber fordert. Es wird insbesondere hervorgehoben, dass diese politische Strategie auf einer erheblichen Mitwirkung von Forschung und Wissenschaft basieren müsse. Die wichtigsten europäischen Meereswissenschaftler treffen sich am 22. Juni in Aberdeen, Schottland, wo sie voraussichtlich eine Mitwirkung am Grünbuch vereinbaren werden. In der EU-Forschungspolitik wurde die Bedeutung der Meeresforschung bereits 1989 erkannt. In diesem Jahr wurden im Rahmen des Vierten Rahmenprogramms (RP4) Mittel von rund 215 Mio. EUR für Meeresforschungsaktivitäten bereitgestellt. Seit dieser Zeit wurde die Förderung dieses Forschungsbereichs erheblich verstärkt. Im Sechsten Rahmenprogramm (RP6) erhielten bereits 250 Projekte Mittel in Höhe von insgesamt 612 Mio. EUR. Bei diesen Projekten geht es um viele verschiedene Themen wie Meeresverschmutzung und die Auswirkungen auf die Artenvielfalt und Ökosysteme der Meere und auf die menschliche Gesundheit. Ferner soll die Nachhaltigkeit der Meeresressourcen sowie maritimer Güter und Dienstleistungen sichergestellt werden. "Dank dieser Unterstützung sieht die Meeresforschung und die Ökologie heute ganz anders aus als vor 20 Jahren", so Dr. Zoran Stancic, stellvertretender Generaldirektor der GD Forschung der Kommission, der die Zahlen auf dem Briefing vorstellte. Ein Projekt, das eine wichtige Rolle in der Meerespolitik spielt, ist HERMES (Hotspot Ecosystems Research on the Margins of European Seas). Das im Jahr 2005 begonnene Projekt untersucht die Artenvielfalt, Struktur, Funktion und Dynamik von Ökosystemen in Tiefenzonen entlang den europäischen Küsten. Dieser Teil des Meeres ist Wissenschaftlern und Politikern relativ unbekannt. Da dieser Bereich jedoch einem Drittel der weltweiten Landmasse entspricht und innerhalb Europas Ausschließlicher Wirtschaftszone (AWZ) liegt, sollte die Nutzung seiner biologischen und Energieressourcen sowie seiner Bodenschätze von großem Interesse und Wichtigkeit für EU-Politiker sein. Es sei jedoch schwierig, einen Bereich, über den wir so wenig wissen, gesetzlich zu regeln, sagte Dr. Anthony Grehan von der National University of Ireland, Galway, einer der HERMES-Projektpartner. "Jeder weiß beispielsweise, dass ein Klimawandel stattfindet, wir wissen jedoch nicht, wie er sich auf die Tiefsee auswirkt", führte er aus. Ferner seien die Auswirkungen auf die Meeresfischerei und die Gas- und Ölforderung nicht bekannt, die jetzt nach und nach auch auf tiefere Meeresgewässer ausgedehnt werden. Hier kann HERMES eingreifen. An dem Projekt sind Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen - Geologie, Sedimentologie, physikalische Ozeanographie, Mikrobiologie und Biogeochemie - beteiligt. Es bildet die wissenschaftliche Basis für die nachhaltige Bewirtschaftung der Meeresressourcen Europas. Anhand von wissenschaftlichen Daten entwickelt das Projekt eine Reihe von Instrumenten und Ansätzen, um Ressourcenmanager und Politiker bei ihren Entscheidungen zu unterstützen. Ein Beispiel ist eine Reihe sozioökonomischer Indikatoren und Kriterien, um der Gesellschaft die monetären und nicht monetären Werte der wichtigen Ökosysteme, die von den Wissenschaftlern ausgewählt werden, zu beschreiben. Ein weiteres beispielhaftes Projekt ist VISIONS, ein Netz von Partnern aus Industrie und Forschung im maritimen Bereich, das sich mit der Entwicklung visionärer Konzepte für Schiffe und schwimmende Strukturen beschäftigt. Es konzentriert sich auf fünf Marktbereiche: Meerestourismus und Freizeitnutzung; Kurzstreckenseeverkehr; Binnenschifffahrt; Hochseeschifffahrt und schwimmende Infrastrukturen. Das Netz ist eine Denkfabrik für neue Ideen, die mittel- bis langfristig vermarktbar sein könnten. Es ist insbesondere daraufhin angelegt, wissenschaftliches Expertenwissen mit den Anforderungen der Industrie und des Markts zusammenzuführen und alternative Denkanstöße hinsichtlich künftiger maritimer Bedürfnisse und Nutzungsmöglichkeiten zu geben. 2006 wurden Studenten aus ganz Europa eingeladen, an einem Wettbewerb zur Ermittlung der innovativsten Meereskonzepte teilzunehmen. Den Gewinnern nach zu urteilen scheint das Netz erfolgreich neue Ideen hervorzubringen, die für die Industrie interessant sind. Die höchsten Preise wurden an drei Gewinner vergeben. Erstens für eine mobile schwimmende Windkraftanlage, die zur Erzeugung und Speicherung von Energie flexibel an Stellen eingesetzt werden kann, wo der Wind gerade beständig weht. Die Anlage könnte eine Doppelrolle als Tankstation für Schiffe einnehmen. Zweitens für einen sehr großen schwimmenden Containerumschlagplatz, der das Problem des Frachtstaus beseitigt, indem der Umschlagplatz auf das Meer verlegt wird. Und drittens für eine Unterwasserjacht, die für touristische Ausflüge unter Wasser genutzt werden könnte. "Die Studenten haben mit ihren Ideen viele Denkanstöße geliefert und offensichtlich ist es wirklich wichtig, die Industrie aufzufordern, sich Gedanken zu machen, welche Technologien entwickelt und welche Projekte begonnen werden müssen, damit diese Konzepte realisiert werden können," erläuterte Duncan Forbes von Rolls-Royce Marine, einer der Projektpartner. Daher veranstaltet das Netz jedes Jahr eine Veranstaltung, um der Industrie diese Ideen vorzustellen. Auf der letzten Veranstaltung wurden vielen Studenten, die an der Entwicklung der neuen Konzepte beteiligt waren, Arbeitsplätze von Industrievertretern angeboten. Dies sei laut Forbes ein Beweis der Realisierbarkeit ihrer Ideen. Das letzte Projekt, das auf dem technischen Briefing vorgestellt wurde, war das Schiffortungssystem VDS (Vessel Detection System). Das System wurde von der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission entwickelt. Es überwacht anhand von Satellitenbildern die Aktivitäten von Fischereifahrzeugen, unabhängig davon, ob diese ihre Position gemeldet haben oder nicht. Das VDS wurde im Nordostatlantik, in der Ostsee, der Barentssee und der Nordsee, in westlichen Gewässern und im Mittelmeer erfolgreich erprobt. Dieses leistungsfähige neue Werkzeug ermöglicht es, Verstöße gegen Fischereivorschriften zu erkennen und auf diese Weise den illegalen Fischfang zu verringern. "Trotz dieser Erfolge hat sich die Meeresforschung auf relativ isolierte und koordinierte Weise entwickelt. Daher muss zukünftig ein umfassenderer Ansatz eine beständige und einheitliche Forschungsagenda enthalten, um Überschneidungen zu verhindern und die Gelder der Steuerzahler so effizient wie möglich zu nutzen", sagte Dr. Stancic.