"Die Fittesten sterben eher"
Das Fischereimanagement müsse damit beginnen, Fischerei-induzierte evolutionäre Veränderungen zu berücksichtigen, lautet es in einer in der bekannten Fachzeitschrift Science veröffentlichten Studie. Ein "evolutionsbiologischer Ansatz" könnte dabei helfen, die Folgen der Befischung auf die Arten und ihren Nutzen klarer zu bestimmen, meinen die Forscher. Dem Artikel zufolge wurde bereits in einigen Studien darauf hingewiesen, dass viele weitverbreitete Veränderungen bei den Fischarten wahrscheinlich auf das Ergebnis eines Selektionsdrucks durch den Fischfang zurückzuführen und nicht durch Umweltfaktoren alleine zu erklären sind. Der Industrielle Fischfang ist heutzutage der am meisten verbreitete Grund für den Tod in vielen Fischbeständen: Schätzungen zufolge kann dieser die natürliche Sterblichkeitsrate um 400% übertreffen. "Die Theorie des Lebenslaufs [d.h. die Theorie des Reproduktionszyklus von Tieren und Pflanzen] sieht vor, dass sich die Evolution durch eine erhöhte Sterblichkeitsrate hin zu einer früheren sexuellen Reife mit kleinerer Größe und erhöhtem Reproduktionsaufwand entwickelt", wird in dem Artikel erklärt. Die Autoren sind Forscher aus Dänemark, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Österreich, Portugal, Schweden, Island und Norwegen. Lebenslaufmerkmale gehören zu den primären Faktoren für die Populationsdynamik. Die Theorie wird durch Analysen von Fischereidaten bestätigt. Um die Dinge noch schlimmer zu machen, werden die Folgen, die sich auch auf die Fischbestände, die Demografie und die wirtschaftlichen Erträge auswirken, durch selektiven Fischfang, d.h. auf der Grundlage von Größe, Reife, Verhalten oder auch Morphologie verstärkt. Durch den Menschen induzierte Evolution geht besonders schnell vor sich und verursacht innerhalb von Jahrzehnten unbeabsichtigte Veränderungen. Einige dieser Veränderungen "könnten auch nicht linearen ökologischen Wandel und andere unerwartete Ergebnisse verursachen", warnt der Artikel. Derzeit sei es so, dass gerade jene Individuen, die - entgegen aller Wahrscheinlichkeiten - die natürlichen Gefahren schadlos überstanden haben und groß und fruchtbar geworden sind, am Haken oder im Fischernetz landen, sagt Professor Robert Arlinghaus vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), einer der Autoren der Studie. "Das hat schwer prognostizierbare Konsequenzen für die langfristige Entwicklung und den Erhalt natürlicher Fischbestände. Momentan heißt es in vielen befischten Beständen nicht 'die von Natur aus Fittesten leben länger' sondern 'die Fittesten sterben eher�", fügt er hinzu. Die Autoren der Studie schlagen eine "evolutionäre Folgenabschätzung als Werkzeug für das Management der Fischbestände" vor. "Das würde zunächst einmal helfen, besonders empfindliche Bestände zu identifizieren", erklärt Professor Arlinghaus. In der Folge sei es wichtig festzustellen, welche Veränderungen genau der Fischereidruck hervorrufe und welchen Einfluss sie auf den Wert der Fischbestände für die Fischereiwirtschaft und die hobbymäßige Angelfischerei haben. Die entsprechenden Techniken werden derzeit in mehreren Gruppen weltweit erforscht. Mittels populationsdynamischer Modelle könnten die Forscher dann Szenarien berechnen, mit welchen Managementinstrumente der Fischerei-induzierten Evolution Einhalt bieten könnten.