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Wie einfache Kartoffeln zum Umdenken in Forschung und Innovation im Agrarbereich führen

Zwei wichtige Herausforderungen des 21. Jahrhunderts für Europa und die ganze Welt sind Ernährungssicherheit und Lebensmittelsicherheit einerseits sowie der Einfluss von Großkonzernen auf die globalen Nahrungsmittelsysteme andererseits. Eine EU-finanzierte Forscherin hat sich jetzt damit befasst, herauszufinden, wie Forschung und Entwicklung im Argrarsektor, die strenge Abgrenzung der wissenschaftlichen Disziplinen und wirtschaftliche Interessen miteinander verflochten sind.

Gesellschaft
Lebensmittel und natürliche Ressourcen

Das Projekt HealingFromEnclosure sollte ein tieferes Verständnis der größeren kulturellen, wirtschaftlichen, disziplinären, soziotechnischen und sozioökologischen Kontexte erarbeiten, die die Agrarwissenschaften und entsprechende Innovationen in Belgien formen und im Gegenzug auch von ihnen geformt werden. Obwohl das Projekt unter Leitung der Marie-Skłodowska-Curie-Stipendiatin Barbara van Dyck von der Universität Sussex koordiniert wurde, hatte es Belgien zum Gegenstand. „Es gibt zwar viele Belege, die dagegen sprechen, doch meistens lassen sich konventionelle Vorstellungen von Wissenschaft und Innovation auf ein recht simples Bild linearer Ein- und Ausgänge herunterbrechen“, so van Dyck. „Mein Projekt war Teil eines wesentlich größeren Vorhabens, bei dem diese ‚Black Box‘ der Vorstellung von Forschung und Technologie geöffnet werden sollte.“

Flandern im Fokus

Der Schwerpunkt lag auf der belgischen Politik von Feldversuchen mit genetisch veränderten Bäumen, Kartoffeln und Mais (besonders in Flandern, also im niederländischsprachigen Teil Belgiens). Dabei wurde das grundlegend undemokratische Wesen von etablierten Innovationsprozessen freigelegt. Flandern hatte sich als ideale Fallstudie angeboten, da die flämische Regionalregierung großen Wert darauf legt, Anreize für FuE-Aktivitäten zu fördern. Sie hat bereits eine weitreichende Forschungsinfrastruktur geschaffen, die die Zusammenarbeit von Industrie, Wissenschaft und staatlichen Einrichtungen stärken soll. Aber nicht alles läuft dabei glatt. „Wenn es um Lebensmittel und Landwirtschaft geht, lehnen belgische Verbände der Zivilgesellschaft die politische Entscheidung ab, bestimmte Arten biotechnologischer Innovationen anderen – weiter gefassten – Arten von Innovation vorzuziehen“, so van Dyck. Ein Feldversuch mit genetisch veränderten Kartoffeln sorgte 2011 für einen nationalen Skandal. Vom Flämischen Institut für Biotechnologie und seinen Partnern wurden sie als „Kartoffeln der Zukunft“ angepriesen, doch eine Aktion aus der Zivilgesellschaft wollte die veränderten Pflanzen durch Bio-Kartoffeln ersetzen, was heftige parlamentarische Debatten und Gerichtsprozesse nach sich zog.

Das Ziel: eine Innovationsdemokratie

„Die Abfolge der Ereignisse um den Kartoffelfeldversuch eignet sich hervorragend als Ausgangspunkt einer Fallstudie. Hier zeigen sich deutlich die Spannungen zwischen denen, die die Innovationen im Lebensmittel- und Agrarsektor auf enge technologische Lösungen begrenzen wollen, und denen, die zentrale politische Fragen zur Technologie ‚öffnen‘ und eine ‚Innovationsdemokratie‘ aufbauen wollen“, erklärt van Dyck. Aber wie kann so eine „Innovationsdemokratie“ umgesetzt werden? Eine mögliche Antwort, die van Dyck erforscht, ist das Konzept der „politischen Agrarökologie“. Sie würde dazu dienen, einen Dialog zwischen verschiedenen Wissensquellen zu ermöglichen und eine gemeinsame Basis für alle Disziplinen und praktischen Bereiche zu schaffen. „Für so eine gemeinsame Basis müsste der Schwerpunkt von besonders eng gefassten Expertisen in eine Richtung verlagert werden, die eine größere Vielfalt an Stimmen zulässt“, so van Dyck weiter. „Um das zu demonstrieren, haben wir mit politischen Räumen experimentiert. Darin werden nämlich mehr kollektive Interessen angehört und es lässt sich eine beiderseitige Verbundenheit zwischen Forschenden und Betroffenen mit unterschiedlichem Hintergrund schaffen.“ Ein Beispiel für solche Initiativen waren Podiumsgespräche über Biotechnologie sowie eine Vorlesung. Sie sollten als Sprungbrett zu noch mehr kollektivem Denken und Handeln rund um die Wissensgenerierung über Nahrungsmittelsysteme dienen. Van Dyck hofft, dass ihre Arbeiten die positive Entwicklung von Forschungs- und Technologieinfrastrukturen voranbringen können, die eine ausgeglichenere und kooperative Einbeziehung der Gesellschaft ermöglichen. Landwirtschaftsverbände, Bewegungen aus der Zivilgesellschaft und Forschende aus einem breiten Spektrum von Fachdisziplinen könnten sich beteiligen, so ihr Wunsch. „Nur so können nachhaltige Nahrungsmittelsysteme aufgebaut werden, die auf Gegenseitigkeit, Respekt und Verantwortung basieren.“

Schlüsselbegriffe

HealingFromEnclosure, Kartoffel, Agrar- und Lebensmittelsektor, Ernährungssicherheit, Lebensmittelsicherheit, Feldversuch, genetisch veränderte Kartoffeln, politische Agrarökologie, Innovationsdemokratie

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