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Die Zukunft der transnationalen Holocaust-Forschung sichern

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Quellen, welche von der Geschichte des Holocaust berichten konnten, zerstückelt und verstreut, was zu Wissenslücken unter Forschenden und zu Schwierigkeiten beim Auffinden wichtiger Dokumente und Aufzeichnungen führte. EU-Forschende stellen nun Materialien und Fachwissen neu zusammen, um transnationale Forschung, Gedenken und Bildung in Bezug auf den Holocaust zu sichern.

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Als schmerzlicher Abdruck in der europäischen Geschichte bleibt der Holocaust ein bedeutender Bestandteil der Identität eines modernen Europas sowie ein wichtiger Bezugspunkt für das Verständnis und die Entwicklung unserer Gesellschaften in Richtung Fortschritt und Integration. Im Hinblick darauf spielen umfassende und öffentlich zugängliche Berichte und Quellen aus dieser Zeit eine Schlüsselrolle. Das Projekt EHRI (europäische Holocaust-Forschungsinfrastruktur) hat die Aufgabe, sicherzustellen, dass die Holocaust-Forschung relevant, leicht zugänglich und möglichst faktisch vollständig bleibt.

Regionale und technologische Kapazitätslücken ausgleichen

Die europäische Holocaust-Forschungsinfrastruktur, die im Jahr 2010 gegründet wurde und weiterhin sehr erfolgreich ist, hat wichtige Beiträge zur Sicherung und Verbreitung der Holocaust-Forschung in Europa geleistet. Besonderes Augenmerk liegt auf europäischen Ländern und Regionen, die in diesem Bereich bisher unterrepräsentiert waren. Dank des Projektkonsortiums, dem Partner aus ganz Europa und der Welt angehören, hat EHRI es möglich gemacht, jene Regionen zu erreichen, in denen sich viel wertvolles Quellenmaterial zum Holocaust befindet. Zu diesen Zugang zu finden, war aber bisher problematisch, insbesondere in Ost- und Südeuropa. EHRI-2, die zweite Phase (2015-2019) eines größeren Projekts, das den Auftrag der europäischen Holocaust-Forschungsinfrastruktur unterstützt, erweiterte die Forschungsgemeinschaft durch die Miteinbeziehung von lokaler Infrastruktur, Fachkompetenz und Wissen, sowie durch das Angebot neuer Ausbildungsmöglichkeiten für Forschende. Das Gesamtziel bestand darin, Kapazitätsunterschiede zwischen den europäischen Regionen auszugleichen. Außerdem wurde das EHRI-Portal stark bereichert. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Erforschung neuer Formate für die Digitalisierung von Holocaust-Archiven und -Forschung. „In Verbindung mit unseren Maßnahmen zur Öffentlichkeitsarbeit haben wir wirklich Fortschritte gemacht, um digitale Ansätze mit breiter öffentlicher Resonanz zu ermöglichen“, erklärt Projektkoordinator Karel Berkhoff. Die Bemühungen des Projekts, die Verbindungen zwischen den Mitgliedern der Forschungsgemeinschaft zu erweitern und zu stärken, und ihr Wissen sowie ihre Fachkompetenz unter einem Dach zu vereinen, mündeten darin, dass sich das EHRI-Portal inzwischen zu einem anerkannten Standard-Instrument für Holocaust-Studien aus transnationaler Sicht entwickelt hat. Im Laufe dieses Projekts wurden mehr als 150 000 Beschreibungen von Archiveinheiten sowie 300 Archiveinrichtungen und 17 Länderberichte hinzugefügt. „Unsere Erwartungen im Hinblick auf den virtuellen Zugang wurden übertroffen“; berichtet Berkhoff. „Bis Oktober 2018 notierten wir durchschnittlich 11 600 Sitzungen pro Monat. Davon wurden viele in Ost- und Südeuropa genutzt.“

Grundlagen für inklusivere Gesellschaften schaffen

Seit dem Abschluss des Projekts EHRI-2 im Jahr 2019 wird die europäische Holocaust-Forschungsinfrastruktur jetzt von zwei Projektkonsortien unterstützt, welche sich aus 25 Partnern aus ganz Europa, Israel und den Vereinigten Staaten zusammensetzen. Sie verwandelt sich derzeit von einem Projekt zu einer etablierten Organisation. Rechtliche, finanzielle und strategische Arbeit ist derzeit im Gange, um dieser dauerhaften Einrichtung bis Januar 2025, dem 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, zur vollen Funktionsfähigkeit zu verhelfen. Berkhoff betont, dass die Forschungsinfrastruktur zwar in erster Linie wissenschaftliche Auswirkungen hat, dass sie aber auch eine breitere gesellschaftliche und politische Agenda angenommen hat: „Die jüngste Zunahme von Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und aggressivem Nationalismus zeigt, dass die Holocaust-Forschung niemals ein rein akademisches Anliegen ist, sondern eine Voraussetzung für offene und diskriminierungsfreie Gesellschaften in Europa und weltweit.“ Mit ihrer dauerhaften Einrichtung wird die europäische Holocaust-Forschungsinfrastruktur eine Schlüsselressource für die Gesellschaft als Ganzes sein und sicherstellen, dass die Ereignisse des Holocaust auch weiterhin unsere Werte und unser Handeln beim Aufbau der Zukunft Europas beeinflussen. Sie steht sowohl der Bevölkerung, als auch Entscheidungsträgern und Forschenden zur Verfügung.

Schlüsselbegriffe

EHRI, Holocaust, Forschungsinfrastruktur, Quelle, transnational, Ost- und Südeuropa, Portal, europäische Geschichte, digital, Antisemitismus

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