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Migrant male youth home-making in Ireland

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Was „Heimat“ heißen kann – am Beispiel junger Migranten

Ein EU-finanziertes Projekt erarbeitet die Erfahrungen männlicher Flüchtlinge und internationaler Studenten im irischen Cork, die sich eine Heimat aufgebaut haben.

Gesellschaft

Sich zu Hause zu fühlen und sich eine Heimat zu schaffen, spielt für eingewanderte Personen eine zentrale Rolle, wenn sie sich zu ihrer neuen Gesellschaft zugehörig fühlen wollen. Obwohl diese Faktoren wichtig sind und obwohl männliche jugendliche Migranten im Kontext von augenscheinlichen Integrationsproblemen in der Öffentlichkeit und im politischem Diskurs viel Aufmerksamkeit bekommen, wird erst seit Kurzem wissenschaftlich erforscht wie Männer „Heimat“ und den Prozess ihrer Schaffung erleben. Außerdem ist die Bedeutung des Begriffs „Heimat“ als physisch realer oder erdachter Ort der Zugehörigkeit in der Soziologie und anderen Disziplinen noch immer stark umstritten. Das EU-finanzierte Projekt YOUTH HOME will nun mit Unterstützung aus den Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen (MSCA) und unter Leitung der MSCA-Stipendiatin Mastoureh Fathi und Projektbetreuerin Caitríona Ní Laoire diese Forschungslücke schließen. „Wir wollten verstehen, was für junge männliche Migranten aus zwei Gruppen ‚Heimat‘ bedeutet: einmal internationale Studenten und einmal Flüchtlinge, jeweils zwischen 18 und 35 Jahren, im irischen Cork“, so Fathi. Mit einer innovativen Methodologie, die unter anderem Aktivitäten wie Interviews beim Spazieren gehen vorsah, wurden im Projekt aus beiden Gruppen tiefgründige ethnografische Daten gesammelt.

Völlig neue Erkenntnisse

„Wir haben festgestellt, dass es bei jungen Männern mit Migrationshintergrund viele Ähnlichkeiten im Erleben und Verständnis von ‚Heimat‘ gibt, egal welchen Status sie haben. Das liegt an ihrer Sichtbarkeit und ihrem vorläufigen Status als migrantische Männer in einer europäischen Stadt, der mit einer gewissen Diskriminierung einhergeht“, erklärt Ní Laoire. Sie erfahren das Leben in Cork also als „vorläufig und befristet“. „Wir haben auch herausgefunden, dass ihnen die häusliche Umgebung wichtiger ist als der öffentliche Raum, wenn es um ihr persönliches Verständnis von ‚Heimat‘ geht.“ In einem kürzlich veröffentlichten Artikel wird ausgeführt, wie die Studienteilnehmer die häusliche Umgebung als vorübergehenden Ort der Zugehörigkeit nutzen, während sie ihre Heimat insgesamt eher mit Blick auf ein in Zukunft angestrebtes „Zuhause“ erschaffen wollen. „Zudem hat sich gezeigt, dass junge männliche Migranten in der Stadt eher als Einzelgänger leben. Zwar bewegen sie sich von Randlagen in die Zentren und zurück, doch aus ihren Erzählungen wurde deutlich, dass sie in öffentlichen Räumen eher allein präsent sind, zu bestimmten Zwecken und beschränkt durch ihre materiellen Verhältnisse“, betont Fathi. In den Forschungsarbeiten des Projekts wurde ein Konzept der räumlichen Sicherheit entwickelt: Sicherheit, die sich aus einer emotionalen Bindung an einen Ort ergibt, kombiniert mit einem bescheinigten Aufenthaltsrecht ermöglicht danach erst das Gefühl, an einem Ort zu Hause zu sein. „Unsere Forschung hat aufgezeigt, wie die Migration jungen männlichen Migranten dieses Gefühl der räumlichen Sicherheit im Hier und Jetzt unmöglich macht. Und trotzdem entwickeln sie in ihrem Alltag durch die Stadt provisorische Bindungen an eben diese Stadt und präsentieren damit ein alternatives Narrativ über die urbane Erschaffung von Heimat“, bemerkt Ní Laoire.

„Heimat“ neu gedacht

Wenn es um die gelebte Realität im Alltag junger Männer von außerhalb der EU in europäischen Städten geht, ist es, wie YOUTH-HOME zeigen konnte, äußerst wichtig, sich mit „Heimat“ und ihrer Erschaffung zu befassen. „Auch wie sich restriktive Migrationspolitik und andere soziale Faktoren darauf auswirken, dass eine provisorische räumliche Sicherheit entsteht oder nachlässt, hat das Projekt zeigen können. Denn hier stehen die alltäglichen urbanen Geschichten von Migranten im Mittelpunkt, die sich eine Heimat schaffen. Die vorherrschenden Narrative der urbanen Zugehörigkeit werden dadurch gesprengt“, meint Ní Laoire. Auf kommunaler Ebene können die Erkenntnisse über die isolierende und marginalisierende Wirkung des Sozialgefüges der Stadt auf junge alleinstehende Migranten von außerhalb der EU in die Integrationspolitik einfließen. „Dabei geht es vor allem um das Wohnungsangebot, fehlende öffentliche soziale Räumen und die Abhängigkeit von kommerziell gesteuerter Freizeit und Konsum. Aber es spielt auch eine Rolle, wie durch restriktive Migrationspolitik auf nationaler und EU-Ebene eine Unsicherheit entsteht, die diese Faktoren noch verstärkt“, so Fathi abschließend.

Schlüsselbegriffe

YOUTH-HOME, Heimat, Erschaffung von Heimat, junge männliche Migranten, räumliche Sicherheit, Flüchtlinge, internationale Studenten

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