57. Steigende Meeresspiegel – mehr Daten zur besseren Modellierung
Hierbei handelt es sich um eine KI-Transkription.
00:00:20:21 - 00:00:38:11
Abigail Acton
Um zu verstehen, was auf uns zukommt, sollten wir uns wohl am besten ansehen, was in der Vergangenheit in einem ähnlichen Zusammenhang geschehen ist. Was kann uns also das prähistorische Eis über den Meeresspiegelanstieg verraten, eine der schädlichsten Auswirkungen des Klimawandels? Er bedroht die Wirtschaft, die Ökologie und die Existenz der Küstenregionen weltweit,
00:00:38:12 - 00:01:03:13
Abigail Acton
denn der Meeresspiegel ist im globalen Mittel seit 1992 um etwa acht Zentimeter gestiegen. Der Verlust an Landeis und die thermische Ausdehnung der Ozeane tragen gleichermaßen dazu bei: Der zukünftige Meeresspiegelanstieg wird maßgeblich vom höchst ungewissen Verhalten der Eisschilde in der Antarktis und in Grönland bestimmt werden. Die Gefahr eines raschen Kollabierens dieser Eisschilde, das möglicherweise bereits im Gange ist, verdeutlicht uns, wie anfällig die Menschheit gegenüber Veränderungen der Eisschilde ist.
00:01:03:13 - 00:01:32:09
Abigail Acton
Um eine klarere Vorstellung davon zu bekommen, was uns bevorsteht, ist es daher überaus wichtig, mehr darüber zu erfahren, wie sie auf die globale Erwärmung reagieren. Unsere drei Gäste, die alle im Rahmen der EU-Forschungs- und Innovationsfinanzierung unterstützt wurden, haben an der Verbesserung unseres Verständnisses dieser Wechselwirkungen mitgewirkt. Heute sind hier, um ihre Arbeit mit uns zu teilen: Eric Wolff, Ehrenmitglied des British Antarctic Survey, der das Klima und die Umwelt der Vergangenheit vor allem anhand von Eisbohrkernen aus den Polargebieten (Antarktis und Grönland) untersucht.
00:01:32:10 - 00:01:39:15
Abigail Acton
Er ist Forschungsprofessor der Royal Society an der Fakultät für Geowissenschaften der Universität Cambridge. Hallo, Eric.
00:01:39:16 - 00:01:40:18
Eric Wolff
Hallo zusammen.
00:01:40:20 - 00:01:56:19
Abigail Acton
Alessio Rovere, Professor an der Fakultät für Umweltwissenschaften, Informatik und Statistik der Universität Venedig, interessiert sich für Paläoklima- und Meeresspiegelveränderungen und dafür, wie geologische Prozesse über lange Zeiten hinweg die Küsten verändert haben. Hallo, Alessio.
00:01:56:20 - 00:01:57:24
Alessio Rovere
Guten Morgen an alle.
00:01:58:00 - 00:02:20:18
Abigail Acton
Guten Morgen. Gaël Durand ist Forschungsdirektor am französischen Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS) und hat sich auf die Modellierung polarer Eisschilde und die Dynamik von Küstengletschern spezialisiert, wobei deren Auswirkungen auf den Meeresspiegelanstieg den Schwerpunkt bilden. Sein besonderes Interesse gilt dem Verständnis der Stabilität von Eisschilden und deren möglichen Reaktionen auf den Klimawandel. Hallo, Gaël.
00:02:20:22 - 00:02:22:16
Gaël Durand
Hallo. Vielen Dank.
00:02:22:18 - 00:02:36:08
Abigail Acton
Eric, zuerst wende ich mich an Sie. Das Ziel des Projekts WACSWAIN bestand darin zu verstehen, was während des letzten Interglazials mit dem westantarktischen Eisschild geschah. Eric, wann war das letzte Interglazial, und warum ist es für uns heute wichtig, darüber etwas zu wissen?
00:02:36:09 - 00:03:00:23
Eric Wolff
Die letzte Zwischeneiszeit liegt bereits einige tausend Jahre zurück, sie war vor etwa 125 000 Jahren. Und wir wissen, dass es während dieser Zeit in den Polarregionen etwas wärmer als heute war. Dazu gibt es Beweise, insbesondere in Form von Korallen, die darauf hindeuten, dass der Meeresspiegel höher als heute war. Das deutet darauf hin, dass der antarktische Eisschild während des letzten Interglazials teilweise verloren gegangen sein muss.
00:03:00:23 - 00:03:18:13
Eric Wolff
Dabei sind wir besonders an der Westantarktis interessiert, die als der am meisten gefährdete Teil gilt, und als Gletscherforscher war es für mich etwas schockierend, dass wir das nicht wussten. Wir verfügten tatsächlich über keine direkten Beweise dafür, ob der westantarktische Eisschild zu diesem entscheidenden Zeitpunkt in der Vergangenheit vorhanden war oder komplett fehlte.
00:03:18:14 - 00:03:20:21
Abigail Acton
Meine Güte, ja, das war eine ziemliche Wissenslücke, nicht wahr?
00:03:20:22 - 00:03:37:16
Eric Wolff
So ist es. Wir haben dann darüber nachgedacht, auf welchen Wegen wir das herausfinden. Und da dies mein Spezialgebiet ist, habe ich mich dafür entschieden, einen Eiskern in einem Gebiet ganz in der Nähe des westantarktischen Eisschilds zu entnehmen. Hier würden empfindliche Daten über das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein dieses Eises zutage treten.
00:03:37:17 - 00:03:47:23
Abigail Acton
Verstehe, okay. Das muss doch eine enorme Herausforderung gewesen sein. Können Sie uns ein wenig mehr darüber erzählen, wie derart alte Eiskerne gewonnen werden? Ich meine, das muss doch riesige, große, lange Kerne ergeben?
00:03:48:01 - 00:04:16:08
Eric Wolff
Nun. Dieser Eiskern war zu guter Letzt 650 Meter lang. Aber ich möchte nicht, dass die Leute denken, dass wir irgendwo 650 Meter Eis am Stück rumliegen haben. Er ist in ein oder zwei Meter langen Abschnitten irgendwo in der Nähe von Cambridge in einem Tiefkühlgerät eingelagert. Dazu mussten wir in die Antarktis reisen. Zunächst mussten wir den richtigen Ort finden, von dem wir glaubten, an dieses Eis gelangen zu können, das besonders empfindlich auf das Vorhandensein des Eisschilds reagierte, und der für uns erreichbar war.
00:04:16:08 - 00:04:45:18
Eric Wolff
Aber es ist ein recht unzugänglicher Ort. Doch wir haben es in einer Feldsaison geschafft. Eine Feldsaison umfasst etwa drei Monate zwischen November und Januar, im Sommer der südlichen Hemisphäre. Im November 2018 war es soweit: Wir reisten hin. Wir sind ein Team aus acht Personen und haben viel Zeit damit verbracht, zu graben, zu bohren, das Eis mit einer Bandsäge zu zerschneiden und es in Polystyrolkisten zu verpacken, um es zur Analyse ins Vereinigte Königreich zu schicken.
00:04:45:19 - 00:04:47:24
Abigail Acton
In sehr sorgfältig etikettierte Polystyrolkisten.
00:04:48:00 - 00:04:55:16
Eric Wolff
Alle Kisten und jeder Kern sind sorgfältig beschriftet. Das ist eigentlich das Wichtigste. Jeder Kern ist mit einem Pfeil versehen, der nach oben zeigt, denn es wäre eine Schande, einfach 100 Jahre auf den Kopf zu stellen.
00:04:55:21 - 00:05:07:00
Abigail Acton
Oh ja, das ist wohl wahr. Ich habe nicht einmal an diese Art der Kennzeichnung gedacht, aber ich habe auch nicht bedacht, dass oben oder unten wichtig sind. Auf jeden Fall, in der Tat. Waren Sie mit der Anzahl der Proben, die Sie gewinnen konnten, zufrieden? Hatten Sie das Gefühl, dass Sie am richtigen Ort waren und das Nötige bekommen haben?
00:05:07:01 - 00:05:25:07
Eric Wolff
Ja. Das Entscheidende ist, dass wir den Boden erreichten, ohne dabei den Bohrer zu verlieren, was immer eine wichtige Sache ist. Wir verfügen nun über 650 Meter Bohrkern. Und als wir die Analyse durchführten, stellte sich heraus, dass er tatsächlich bis in den Zeitraum vor 125 000 Jahren zurückgeht, der uns interessiert. Nach vielen Momenten mit kalten Füßen und kalten Händen hatten wir tatsächlich das Gesuchte.
00:05:25:08 - 00:05:33:10
Abigail Acton
Großartig. Und wie haben Sie das gemerkt? Nach welchen Merkmalen haben Sie gesucht, die anzeigen könnten, wie alt es ist und ob es sich um eine ungeeignete Probe handelt?
00:05:33:12 - 00:05:51:09
Eric Wolff
Es gibt viele Möglichkeiten, um herauszufinden, wie alt das Eis ist. Wir können die Ergebnisse mit denen früherer Bohrungen in anderen Teilen der Antarktis vergleichen, die auf denselben Zeitraum zurückgehen, und bestimmte Dinge, wie zum Beispiel die Konzentration von Treibhausgasen, dürften in jedem Eiskern, der in der Antarktis gebohrt wird, einander gleichen. So können wir das Muster zuordnen.
00:05:51:10 - 00:06:04:01
Eric Wolff
Wir schickten außerdem einige Proben an ein Labor, in dem ein radioaktives Element, nämlich Krypton-81, gemessen werden kann. Das hängt vom Alter des Eises ab. Zudem haben wir in der Nähe des Bodens einige Überprüfungen vorgenommen, um sicherzustellen, dass das Eis auch wirklich so alt ist, wie wir annahmen.
00:06:04:02 - 00:06:07:03
Abigail Acton
Das ist toll. Nun. Und was sagen uns die Proben?
00:06:07:05 - 00:06:27:23
Eric Wolff
Zwei Dinge, die uns die Proben mitgeteilt haben, waren die wichtigsten. Erstens stellte sich heraus, dass das Eis etwas wärmer ist, als es für diesen Zeitraum zu erwarten wäre, was eigentlich bedeutet, dass der Eisschild etwas dünner als früher ist, was wiederum bedeutet, dass es in der Vergangenheit weniger Eis gab. Der Westantarktische Eisschild war also zu dieser Zeit teilweise verschwunden.
00:06:28:00 - 00:06:47:23
Eric Wolff
Aber es befindet sich auch direkt neben einem sogenannten Eisschelf, das sind Hunderte Kilometern schwimmenden Eises, die sich vom Eisschild gelöst haben und über dem Meer liegen. Viele Eisschildmodelle deuten darauf hin, dass dieses Schelfeis bei Erwärmung verschwinden würde. Wir können feststellen, ob das geschehen ist, denn wir können das Meersalz im Eis messen.
00:06:47:23 - 00:07:09:09
Eric Wolff
Und Meersalz kommt natürlich vom Rand des Eises, aus dem Meerwasser am Eisrand. Gegenwärtig ist das Meerwasser 600 km von der Stelle entfernt, an der wir gebohrt haben. Wäre das Schelfeis verschwunden, dann wäre es 50 km entfernt. Wir würden sehen, dass es ein Seebad ist. Wir könnten das Salz in der Luft riechen, und wir könnten es mit Sicherheit in unserem Eiskern messen, aber wir stellten fest, dass es sich nicht verändert hat.
00:07:09:09 - 00:07:27:12
Eric Wolff
Und das bedeutet, dass sich das Schelfeis nicht zurückgezogen hat. Somit gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass der Eisschild im letzten Interglazial kleiner war. Aber die gute Nachricht ist, dass wir das Eisschelf nicht verloren haben, das für die Rückhaltung des Inlandeises von entscheidender Bedeutung ist. Das heißt, dass es nicht ganz so schlimm ist, wie es einige Leute vorhergesagt haben.
00:07:27:13 - 00:07:32:20
Abigail Acton
Ich verstehe. Das Schelfeis wirkt fast wie eine Barriere, die das Abrutschen des Eisschilds ins Wasser verhindert.
00:07:32:21 - 00:07:40:19
Eric Wolff
Genau so ist es. Es wirkt als Barriere. Wir sprechen sogar davon, dass es eine Grenze bildet. Man kann sich das wie eine Hand vorstellen, die gegen das Eis drückt und es stoppt.
00:07:40:19 - 00:07:42:01
Abigail Acton
Es an Ort und Stelle festhält.
00:07:42:02 - 00:07:42:13
Eric Wolff
Genau.
00:07:42:19 - 00:07:51:11
Abigail Acton
Okay. Sehr interessant. Ich verstehe. Super. Vielen Dank, Eric, dass Sie uns das erklärt haben. Möchte sich jemand mit Anmerkungen oder Kommentaren an Eric wenden? Ja, Gaël, wie lautet Ihre Frage?
00:07:51:17 - 00:07:58:12
Gaël Durand
Konnten Sie das Volumen rekonstruieren, das damals in der Westantarktis verschwand?
00:07:58:14 - 00:08:15:15
Eric Wolff
Ich würde wahrscheinlich nicht behaupten, dass wir das genau wissen. Ich meine, wir könnten zwar abschätzen, wie stark das Eis an unserem Standort dünner geworden ist, und wir können uns Eismodelle ansehen, die für das letzte Interglazial erstellt wurden, um zu prüfen, ob sie mit unseren Aussagen übereinstimmen, aber wir können das nicht selbst abschätzen – so lautet, denke ich, die Antwort.
00:08:15:15 - 00:08:26:09
Eric Wolff
Der Hauptvorteil besteht darin, dass wir bestimmte Versionen von Eisschildmodellen ausschließen können, die entweder das Verschwinden der Eisschelfs nahelegen oder aber annehmen, dass überhaupt nichts passiert ist.
00:08:26:10 - 00:08:29:00
Abigail Acton
Auf die Weise entsteht ein genaueres Bild der Ereignisse zu dieser Zeit.
00:08:29:01 - 00:08:34:11
Eric Wolff
Ja, aber wir müssen mehr Modellierungen durchführen, um mehr Chancen zu erhalten, zu verstehen, was damals geschah.
00:08:34:12 - 00:08:40:22
Abigail Acton
Nun, dazu werden wir schon bald kommen, nehme ich an. Ausgezeichnet. Perfekt. Das ist eine wunderbare Überleitung. Alessio, möchten Sie etwas fragen?
00:08:40:24 - 00:08:55:09
Alessio Rovere
Ja. Ich habe eine Frage an Sie, Eric. Die letzte Zwischeneiszeit war lang, sie dauerte in etwa 15 000 Jahre. Haben Sie einen Anhaltspunkt dafür, wann das Schmelzen innerhalb dieses langen Zeitraume stattfand, war es früh oder spät?
00:08:55:13 - 00:09:15:08
Eric Wolff
Nun, ich bin mir ziemlich sicher, obwohl uns tatsächlich eine sehr kleine Menge Eis direkt zu Beginn des Interglazials fehlt, aber es ist recht klar, dass es zu Beginn des Interglazials, etwa am Anfang der Zwischeneiszeit minimal war. Nun. Ich denke, das ist für uns aufgrund anderer Dinge, die wir bereits wussten, nicht überraschend, aber es stellt sich heraus, dass es tatsächlich der Fall ist.
00:09:15:09 - 00:09:16:07
Abigail Acton
Es gab die Bestätigung.
00:09:16:08 - 00:09:16:18
Eric Wolff
Genau.
00:09:16:19 - 00:09:39:16
Abigail Acton
Okay, ich wende mich jetzt an Sie, Alessio. Die Arbeit von WARMCOASTS bietet Einblicke in Meeresspiegel- und Sturmszenarien, die uns helfen können, das Ausmaß des globalen Temperaturanstiegs in unseren Küstengebieten zu bewerten. Eric hat uns erklärt, was uns Eiskernproben über die Eisschilde im letzten Interglazial mitteilen können, aber können Sie uns sagen, warum uns dieser Zeitraum bei Simulationen mit Blick in die Zukunft helfen kann?
00:09:39:17 - 00:10:03:19
Alessio Rovere
Ja, aber natürlich. Zunächst einmal wurde WARMCOASTS ins Leben gerufen, weil ich nicht so gern auf das Eis gehe wie Eric und sein Team. Ich bevorzuge eher tropische Gefilde. Und so sieht die Lage gegenwärtig aus. Wir suchen nach Proxys dafür, was in der Antarktis passiert ist. Wie sehen die Auswirkungen auf die Küstengebiete aus, auch weit weg von der Antarktis?
00:10:03:20 - 00:10:06:03
Abigail Acton
Alessio, kann ich Sie bitten zu erklären, was ein Proxy ist?
00:10:06:04 - 00:10:33:18
Alessio Rovere
Ja, klar. Ein Proxy ist im Grunde genommen ein Anzeiger, den wir im geologischen Archiv finden und der uns Aufschluss über eine Eigenschaft der Vorgänge auf unserem Planeten gibt. Wir kennen Proxys für den Meeresspiegel, zum Beispiel eine Koralle, die in einem vorzeitlichen Riff in der Vergangenheit gewachsen ist. Oder wir finden Proxys für Stürme, etwa Sand, der auf einer bestimmten Art und Weise an der Küste abgelagert wurde und uns an Stürme erinnert.
00:10:33:19 - 00:10:34:22
Abigail Acton
Wie eine Art Beweismittel also.
00:10:34:23 - 00:10:36:21
Alessio Rovere
Ja, es ist ein Paläo-Beweis.
00:10:36:22 - 00:10:38:04
Abigail Acton
Paläo-Beweise. Das klingt großartig. Sehr gut.
00:10:38:04 - 00:10:40:03
Alessio Rovere
Paläo-Beweise für...
00:10:40:05 - 00:10:41:06
Abigail Acton
...für Ereignisse der Vergangenheit.
00:10:41:07 - 00:10:41:15
Abigail Acton
Genau.
00:10:41:16 - 00:10:47:12
Abigail Acton
Super. Okay, erzählen Sie uns bitte noch ein bisschen mehr. Erklären Sie mir, warum das letzte Interglazial in diesem Zusammenhang derart wichtig ist.
00:10:47:13 - 00:11:14:17
Alessio Rovere
Nun, das letzte Interglazial ist sehr bedeutsam, weil es das letzte Mal war, dass die Erde ungefähr so warm wie heute, genauer gesagt, etwas wärmer als heute war. Wir sprechen hier von vielen verschiedenen Schätzungen, aber es geht dabei global um einige Grad Celsius mehr als in vorindustrieller Zeit. Und an den Polen, denken wir, war es fünf bis acht Grad,
00:11:14:18 - 00:11:37:13
Eric Wolff
manche sagen noch ein bisschen mehr, wärmer. Wir sprechen über eine Welt, die unserer Welt und der Richtung, in die wir gehen werden, sehr ähnlich ist. Deshalb ist es interessant zu sehen, ob dies in der Vergangenheit aus anderen Gründen geschah als heute, denn die Frage ist: Wie können wir versuchen, die Zukunft vorherzusagen?
00:11:37:13 - 00:11:45:05
Alessio Rovere
Wie können wir versuchen, die Zukunft besser zu verstehen, indem wir die Vergangenheit betrachten, was im Grunde die Grundlage der Geologie ist.
00:11:45:06 - 00:11:51:13
Abigail Acton
Ich verstehe. Super. Was konnte denn im Rahmen des Projekts WARMCOASTS tatsächlich bewirkt werden? Sagen Sie mir bitte, was Sie gefunden haben. Und was genau haben Sie unternommen?
00:11:51:14 - 00:12:24:12
Alessio Rovere
Wir haben verschiedene Orte entlang der Atlantikküsten aufgesucht. Wir begannen in Patagonien in Argentinien und fuhren bis nach Brasilien und dann an die Karibikküsten. Dann suchten wir an der Ostküste der Vereinigten Staaten nach diesen Proxys. Wir hielten nach uralten Korallen und Strandablagerungen aus der letzten Zwischeneiszeit Ausschau, die uns Hinweise darauf geben konnten, wie sich zu dieser Zeit der Meeresspiegel veränderte und die Stürme tobten.
00:12:24:12 - 00:13:00:15
Alessio Rovere
Unser Ziel war ein Bild des Atlantiks während dieses Zeitraums der Vergangenheit. Dazu sahen wir uns Paläokorallen, fossile Korallen, fossile Muscheln und verfestigte Strandablagerungen etwas oberhalb des heutigen Meeresspiegels an. Das haben wir alles unternommen, und im Grunde viele Verfahren angewandt, zum Beispiel neben der normalen Feldgeologie das Bodenradar, um unter die Oberfläche zu schauen und zu sehen, wie der Strand unter der Oberfläche auf die vergangenen Klimaverhältnisse reagiert hat.
00:13:00:15 - 00:13:16:02
Alessio Rovere
Und wir wenden viele verschiedene Datierungsverfahren an, denn wenn wir so etwas wie eine Muschel oder Koralle finden, die datiert werden kann, kann ihr mit verschiedenen geochemischen Methoden ein bestimmtes Alter zugeordnet werden. Rein vom Anschauen allein wissen wird nicht, wie alt die Muschel ist. Wir müssen sie ins Labor bringen.
00:13:16:02 - 00:13:27:02
Abigail Acton
Sicher, es hört sich so an, als ob Sie hier eine Menge verschiedener Disziplinen zusammenbringen, denn es klingt nach einer breiten Palette von Spezialisierungen, dank derer Ihnen diese Einsichten gelingen. Ist das der Fall?
00:13:27:03 - 00:13:47:15
Alessio Rovere
Ja, das sind ziemlich viele. Eigentlich bin ich Feldgeologe, somit war ich derjenige, der hauptsächlich die Messungen und Sammlungen im Feld durchführte. Aber dann kommen viele Kolleginnen und Kollegen zusammen, viele verschiedene Labors sind beteiligt, um die verschiedenen geochemischen Methoden durchzuführen, die zum Beispiel zur Datierung einer Muschel oder einer Koralle anzuwenden sind.
00:13:47:15 - 00:13:52:11
Alessio Rovere
Es werden viele gute Leute rund um die Welt zur Zusammenarbeit gebraucht.
00:13:52:12 - 00:14:06:01
Abigail Acton
Es klingt außerdem an, dass Sie es geschafft haben, eine große Menge an Daten zu generieren. Sie haben so viele verschiedene Dinge angesehen. Das war ein riesengroßes geografisches Gebiet. Ist es möglich, einen Blick auf Ihre Daten zu werfen? Sind sie nur für andere Wissenschaftsteams bestimmt oder können alle Interessierten sie sich ansehen? Berichten Sie uns ein wenig darüber, wie das Ganze zugänglich ist.
00:14:06:01 - 00:14:39:10
Alessio Rovere
Das ist insofern interessant, als dass es absolut für jede Person zugänglich ist. Wir verfügen über eine Website, auf der wir nicht nur gesammelt haben, was wir unternommen und auf der ganzen Welt gefunden, sondern auch, was Leute wie wir von den 1930er Jahren an bis heute zusammengetragen haben. Wir haben tatsächlich etwa ein Jahrhundert Forschung in einer großen Datenbank zusammengefasst, die sich World Atlas of Last Interglacial Shorelines nennt und in der im Grunde jeder Mensch nachsehen kann, ob es in seinem Garten eine Paläoküstenlinie gibt.
00:14:39:11 - 00:14:40:17
Abigail Acton
Das ist aber echt spannend.
00:14:40:19 - 00:14:46:02
Alessio Rovere
Das ist sogar oft der Fall, denn es gibt mehrere Tausend dieser Orte, die über den ganzen Globus verstreut sind.
00:14:46:03 - 00:14:49:18
Abigail Acton
Na sowas. Vielleicht befinden Sie sich tatsächlich in der Nähe eines solchen Ortes. Und wie lautet die Website, bitte?
00:14:49:19 - 00:14:56:18
Alessio Rovere
Das ist warmcoasts.eu. Und dann navigieren Sie zu WALIS.
00:14:56:20 - 00:15:10:09
Abigail Acton
Wunderbar. Navigieren Sie zu WALIS, das sollten wir eigentlich alle tun. Nun, ich bin nicht weit von der Küste von Brighton und den weißen Klippen von Dover in dieser Gegend entfernt. Da ist vielleicht für Sie auch etwas dabei. An den Stränden in der Umgebung gibt es viele interessante Fossilien. Vielleicht gibt es dort auch noch andere Dinge.
00:15:10:10 - 00:15:15:09
Alessio Rovere
Diese würden älter sein. Aber auch dort könnten Sie etwas aus dem letzten Interglazial finden.
00:15:15:11 - 00:15:34:02
Abigail Acton
Ja, das ist wahr. Sie sind älter. Ich erinnerte mich gerade an mein kleines bisschen geologisches Wissen. Schauen Sie doch nach, ob es in Ihrer Region Informationen für Sie gibt. Gibt es abschließend noch etwas, das uns von Ihrem Projekt in Erinnerung bleiben soll? Gibt es etwas, das Ihrer Meinung nach von besonderem Interesse ist, vielleicht für alle, die mit politischen Entscheidungen betraut sind, oder irgendwelche Schlussfolgerungen?
00:15:34:03 - 00:15:58:02
Alessio Rovere
Nun, auch ausgehend von Erics Forschung wissen wir, dass die Antarktis wahrscheinlich eines der Probleme sein wird, mit denen wir uns in Zukunft auseinandersetzen müssen, nicht wahr. Und wir befinden uns wahrscheinlich schon mittendrin. Wir stellten fest, dass man im Vergleich zu früheren Erkenntnissen davon ausging, dass der Meeresspiegel in dieser Zeit, also während der letzten Zwischeneiszeit, etwa fünf bis zehn Meter über dem heutigen Niveau lag.
00:15:58:02 - 00:16:30:08
Alessio Rovere
Aber dank unserer Forschungen gehen wir nun davon aus, dass der Höchststand während des letzten Interglazials vielleicht etwas niedriger war, etwa zwei oder drei, maximal vier Meter. Nun könnten verschiedene Eisschilde auf unterschiedliche Weise oder in anderen Zeitfenstern dazu beigetragen haben. Daher auch meine Frage an Eric vorhin. Aber es ist eigentlich sehr wichtig, sich vor Augen zu halten, dass von einer wärmeren Periode die Rede ist, ganz ähnlich der, auf die wir zusteuern, da geht es um etwa zwei Grad Celsius globale Erwärmung, nicht wahr?
00:16:30:09 - 00:16:54:12
Alessio Rovere
Es ist das, worüber wir in Bezug auf die Politik sprechen. Wenn das nun einmal das Ergebnis einer wärmeren Periode war – sagen wir bei einem Meeresspiegelanstieg um ein paar Meter –, dann stellen wir uns einmal vor, was ein Anstieg um nur einen Meter für unsere Küsten bedeuten würde. Das wäre ein ziemlich großes Problem für uns. Da müssen wir darüber nachdenken. Ich lebe in Venedig, ich weiß das genau.
00:16:54:14 - 00:16:56:10
Abigail Acton
Ja, klar. Manche Orte sind stärker gefährdet als andere.
00:16:56:11 - 00:16:57:10
Alessio Rovere
So ist es.
00:16:57:11 - 00:17:02:07
Abigail Acton
Ich danke Ihnen vielmals, Alessio. Hat jemand Anmerkungen oder möchte Fragen an Alessio stellen? Gaël, ja, bitte.
00:17:02:08 - 00:17:07:20
Gaël Durand
Was ist mit den Stürmen? Hat sich in diesem Zeitraum etwas verändert?
00:17:07:22 - 00:17:32:01
Alessio Rovere
Nun, ich kann Ihnen sagen, dass es unglaublich schwierig war, die Proxys für Stürme zu finden. Dabei haben wir uns wirklich sehr bemüht. So kann ich Ihnen keine Antwort geben, weil wir zwar einige Beweise für Stürme in der Vergangenheit gefunden haben, aber wir konnten die wir aus dem Küsteningenieurwesen übernommenen Modelle nicht verfeinern, um mehr über die Stürme zu erfahren.
00:17:32:01 - 00:17:56:17
Alessio Rovere
Dies ist somit eine Frage, die wir zukünftigen Wissenschaftsgenerationen überlassen. Ich denke, dass es Orte gibt, an denen zu sehen ist, wie etwa auf den Bahamas, dass die Stürme möglicherweise etwas stärker als heute waren. Und eines der Dinge, von denen ich aufgrund einiger Proxys noch stärker überzeugt bin, ist, dass sich die Richtung der Stürme wahrscheinlich geändert hat, nicht so sehr die Intensität, sondern die Richtung.
00:17:56:20 - 00:18:19:20
Alessio Rovere
Ich meine, wenn wir bedenken, dass heute alles, was wir an der Küste gebaut haben, auf der Intensität und der Richtung eines Sturms beruht, etwa bei einem Hafen, dessen Bau von der Intensität und der Richtung abhängt. Wenn sich diese ändern, und selbst wenn es nur ein paar Grad sind, dann ist es tatsächlich etwas sehr Gefährliches, wenn es geschieht. Und wir denken, dass es an einigen Stellen, zum Beispiel in Argentinien, bereits eingetreten ist.
00:18:19:20 - 00:18:22:07
Alessio Rovere
Das sollten wir im Blick behalten.
00:18:22:07 - 00:18:24:06
Abigail Acton
Noch etwas, das das Bild vervollständigt.
00:18:24:07 - 00:18:24:19
Alessio Rovere
Genau.
00:18:24:20 - 00:18:38:17
Abigail Acton
Zweifellos. Vielen Dank für diese Frage, Gaël. Ich wende mich jetzt an Sie. Wir brauchen ein besseres Verständnis der Wechselwirkungen zwischen der Atmosphäre, dem Ozean und den Eisschilden, und genau hier setzt das Projekt PROTECT an. Gaël, können Sie mir sagen, worin für Sie der spezielle Reiz dieses Forschungsbereichs besteht?
00:18:38:19 - 00:19:10:12
Gaël Durand
Ich habe tatsächlich meine Forschungsarbeit mit der Untersuchung des Klimas begonnen. Und während meiner Zeit als Doktorand habe ich mit Eric am Projekt EPICA gearbeitet, am DOME C ICE CORE in der Antarktis, der die Geschichte des Klimas der letzten 800 000 Jahre offenbarte. Das ist nun etwa zwanzig Jahre her. Und zu dieser Zeit ergaben neue Satellitenbeobachtungen in zunehmendem Maße, dass die Eisschilde an Masse verlieren und stärker zum Meeresspiegelanstieg beitragen, als wir erwartet hatten.
00:19:10:12 - 00:19:40:05
Gaël Durand
Das war eine typische Situation für einen jungen Forscher und ein spannendes Thema. Und außerdem ist dieser Anstieg nicht einfach nur ein wissenschaftliches Thema. Er stellt eine grundlegende Frage für die langfristige Organisation menschlicher Gesellschaften dar. Wir wissen es bereits, dass der Meeresspiegel ansteigt. Wir wissen, dass sich dieser Prozess über Jahrhunderte fortsetzen wird, aber in welchem Tempo? Diese Schlüsselfrage bleibt auch nach zwei Jahrzehnten der Bemühungen der Forschungsgemeinschaft bestehen.
00:19:40:05 - 00:19:54:03
Gaël Durand
Ein bescheidenes Wort in einer derart bedeutenden gesellschaftlichen Frage mitreden zu können, war für mich äußerst reizvoll. Was mich persönlich aus wissenschaftlicher Sicht fasziniert, ist das hochgradig nichtlineare Verhalten der Eisschilde.
00:19:54:04 - 00:20:02:06
Abigail Acton
Das hochgradig nichtlineare Verhalten also. Was meinen Sie damit? Wenn Sie nichtlinear sagen, meinen Sie dann, dass es nicht vorhersehbar ist. Dass, nur weil etwas einmal passiert ist, das nicht heißt, dass es sich wiederholen wird.
00:20:02:07 - 00:20:19:10
Gaël Durand
Ich sage nicht, dass es nicht vorhersehbar ist. Ich will damit sagen, dass die Reaktion nicht nur schrittweise und auf eine einfache Weise vorhersehbar ist. Es gibt möglicherweise Schwellenwerte, bei deren Überschreitung es bei Teilen oder sogar der gesamten Region des Eisschilds zu einem sich selbst verstärkenden Rückzug kommen könnte.
00:20:19:13 - 00:20:24:01
Abigail Acton
Ja, ich verstehe, was Sie meinen. Sie meinen, dass es Auslöser gibt, die dafür sorgen können, dass sich Dinge immer wiederholen?
00:20:24:02 - 00:20:24:21
Gaël Durand
Ganz genau.
00:20:24:22 - 00:20:42:20
Abigail Acton
Ja. Okay. Können Sie mir sagen... das Team von PROTECT hat diese verschiedenen Parameter der Atmosphäre, des Ozeans und des Eisschilds zusammengeführt. Wir haben ein wenig über das Eis geredet und darüber, was es verraten kann. Und auch das, was heute an den Küsten erforscht wird, kann uns etwas über die Vergangenheit verraten. Sie haben all diese drei Dinge irgendwie zusammengebracht.
00:20:42:20 - 00:20:45:21
Abigail Acton
Können Sie mir ein wenig darüber berichten, was im Projekt PROTECT eigentlich getan wurde?
00:20:45:22 - 00:21:10:20
Gaël Durand
Die größte Unsicherheit in Bezug auf den Meeresspiegelanstieg in den kommenden Jahrhunderten hängt eindeutig mit der Entwicklung der beiden Eisschilde zusammen, und das einzige verfügbare Instrument, um die Zukunft ähnlich wie bei einer Wettervorhersage zu untersuchen, sind die numerischen Modelle. Die Arbeit von PROTECT wird deshalb dazu beitragen, Eisschild- und Klimamodelle verbessern und hoffentlich den zukünftigen Anstieg des Meeresspiegels mit größerer Sicherheit eingrenzen zu können.
00:21:10:22 - 00:21:37:08
Gaël Durand
Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten. Zunächst müssen wir einige kritische Prozesse und ihre Wiedergabe in den numerischen Modellen besser verstehen. So könnte zum Beispiel das Wasser aus dem Ozean unter den Eisschild fließen, die Gleiteigenschaften des Grundgesteins verändern und den Gletscher stärker rutschen lassen, sodass er in Richtung Meer fließt und somit sein Beitrag zum Meeresspiegel zunimmt.
00:21:37:10 - 00:22:04:20
Gaël Durand
Auch wenn die Eisschilde weit von uns entfernt sind, sind sie nicht vom Rest des Klimasystems isoliert. Sie reagieren auf die Einflüsse des Ozeans, der Atmosphäre und sogar der Kruste und des Mantels der Erde. Daher ist es wichtig, diese Wechselwirkungen besser in den Modellen abzubilden. Es ist quasi eine Erinnerung an ein Artefakt der Vergangenheit. Heute noch steigt Skandinavien empor, weil es vor 20 000 Jahren einen riesigen Eisschild gab.
00:22:04:20 - 00:22:23:12
Gaël Durand
Denn durch die Last des Eisschilds sank die Erdkruste ab, und jetzt ist kein Eisschild mehr vorhanden. Damit geht es aufwärts. Dasselbe ist auch in Grönland und der Antarktis der Fall, weil die Eisschilde früher größer waren. Und wenn wir weiter an Masse verlieren, wird sich dieser Anstieg ändern. Wir müssen die Veränderungen berücksichtigen.
00:22:23:17 - 00:22:26:19
Abigail Acton
Somit besteht die Vorstellung, dass das Land leicht emporsteigen könnte.
00:22:26:21 - 00:22:27:17
Gaël Durand
Ganz genau.
00:22:27:18 - 00:22:41:23
Abigail Acton
Oh, okay. Das ist interessant. Okay. Vielleicht schwimmen wir dann ein bisschen wie ein Korken auf dem steigenden Meeresspiegel. Bewegungen des Eises und das schmelzende Meereis lassen den Meeresspiegel steigen, sorgen aber vielleicht auch für sich leicht emporhebende Landmassen.
00:22:42:00 - 00:22:51:23
Gaël Durand
Ja. Typischerweise steigt der Meeresspiegel in Skandinavien heute nicht, sondern er sinkt. Also tatsächlich sinkt der Meeresspiegel nicht. Es ist, als würde die Erde dort emporsteigen.
00:22:52:03 - 00:22:58:20
Abigail Acton
Sehr faszinierend. Vielen Dank. Gibt es denn weitere Beispiele für Dinge, die Sie bei der Modellierung von Charakteristiken berücksichtigen müssen.
00:22:58:22 - 00:23:21:17
Gaël Durand
Ja. Normalerweise ist es in der Antarktis extrem kalt und die Schmelze findet an der Erdoberfläche nur äußerst begrenzt statt. Aber je nach der Entwicklung des Klimas könnte sich das in Zukunft komplett ändern. Und aus Beobachtungen in Grönland wissen wir, dass eine gewisse Schmelze weiteres Schmelzen bewirkt. Das nennen wir eine positive Rückkopplungsschleife. Es ist wichtig, das zu berücksichtigen.
00:23:21:19 - 00:23:45:17
Gaël Durand
Wir wissen auch, dass die in der Antarktis zu beobachtenden Veränderungen auf das Eindringen von warmem Wasser aus dem Meer unter dem Schelfeis zurückzuführen sind, wodurch dieses Schelfeis brüchig wird und der Eisschild schneller auf dem Granit fließt. Wir müssen deshalb auch diese Verbindung zwischen dem Ozean und dem Eisschild besser verstehen.
00:23:45:21 - 00:23:57:11
Abigail Acton
Nach all dieser Arbeit an der Modellierung und den komplexen Modellierungssystemen, die Sie geschaffen haben, können Sie uns nun etwas aus dem Projekt berichten, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist oder das wir uns schon jetzt merken sollten?
00:23:57:13 - 00:24:34:10
Gaël Durand
Meiner Meinung nach zeichnen sich zwei wichtige Dinge ab. Das erste ist, dass wir oft hören, dass die Eisschildmodelle nicht übereinstimmen. Ich glaube, dass sie für die kommenden Jahrzehnte viel mehr übereinstimmen, als wir denken, und dass der Umfang des Meeresspiegelanstiegs für die kommenden Jahrzehnte durchaus eingrenzbar ist. Der andere Punkt, und den halte ich für sehr wichtig, ist, dass wir aufgrund dieses Schwellenwerts und der Tatsache, dass Eisschilde und Gletscher relativ langsame Elemente des Klimasystems sind, einen sogenannten verbindlichen Meeresspiegelanstieg kennen.
00:24:34:10 - 00:24:54:14
Gaël Durand
Wir haben zweifellos bereits heute einen gewissen Anstieg des Meeresspiegels eingeleitet. In Hinblick auf die Gletscher haben wir, egal was wir tun, und selbst wenn wir das Übereinkommen von Paris einhalten, langfristig wahrscheinlich 30 % der Gletscher verloren. Aber je nachdem, was wir in Zukunft unternehmen, wird es uns langfristig noch stärker betreffen.
00:24:54:19 - 00:25:06:01
Abigail Acton
Auf jeden Fall. Es handelt sich um eine langfristige Projektion. Und wir haben uns, wie Sie sagen, bereits mit einem gewissen Anstieg abgefunden. Vielen Dank. Das ist überaus interessant. Ich danke Ihnen vielmals. Hat jemand Fragen oder Anmerkungen? Ja bitte, Eric.
00:25:06:02 - 00:25:15:10
Eric Wolff
Gaël, Sie haben offensichtlich sowohl das grönländische als auch das antarktische Schild im Blick. Was können Sie uns dazu sagen, um welche der beiden wir uns am meisten sorgen sollten?
00:25:15:11 - 00:25:51:06
Gaël Durand
Aus zwei Gründen würde ich meinen, dass es die Antarktis ist. Zum einen, weil sie absolut riesig ist. Sie könnte den Meeresspiegel um 60 Meter, etwa 58 Meter, steigen lassen; Grönland etwa sieben Meter. Es gibt dort viel mehr Eis, das mobilisiert werden und in den Ozean gelangen kann. Außerdem könnte der Anstieg des Meeresspiegels viel schneller vonstatten gehen, wenn diese Instabilität in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten auftritt und zunimmt.
00:25:51:06 - 00:26:00:09
Gaël Durand
Ich würde mehr Angst vor der Antarktis haben, aber ich bin voreingenommen. Denn das ist der Eisschild, den ich gewissermaßen im Herzen trage.
00:26:00:11 - 00:26:10:12
Abigail Acton
Es ist ein sehr faszinierendes Gebiet. Ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren ein Buch gelesen habe und immer von der Vorstellung der Antarktis gefesselt war. Sie ist verlockend... waren Sie dort, Gaël, haben Sie sie besucht?
00:26:10:13 - 00:26:20:21
Gaël Durand
Ja, ich war vor etwa 20, fast 25 Jahren in der Station Dome Concordia. Das war großartig. Es wird einem klar, wie groß sie ist.
00:26:20:23 - 00:26:26:18
Abigail Acton
Es ist wie eine völlig andere, fast außerirdische Umgebung. Ja. Spannend. Gibt es noch weitere Anmerkungen oder Beobachtungen?
00:26:26:19 - 00:26:40:05
Eric Wolff
Nun, ich wollte auch Gaël fragen, denn er ist wahrscheinlich viel näher an Anwendung und Politik dran, als Alessio und ich es sind. Haben Sie das Gefühl, dass die Menschen Ihnen zuhören, wenn Sie sie vor dem Meeresspiegelanstieg warnen?
00:26:40:07 - 00:27:14:19
Gaël Durand
Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich würde sagen, ja, sie geraten in Angst, aber sie hören nicht so sehr auf das, was uns, die wir uns mit dem Meeresspiegel beschäftigen, in den nächsten Jahrzehnten am meisten interessiert. Wenn ich bedenke, dass dieses Thema in unserem globalen Bestehen einen längeren Zeithorizont hat – und ich weiß, das ist schwer zu erklären –, dann wird mir klar, dass das, was wir jetzt tun, Auswirkungen auf ganze Generationen von Menschen hat und dass wir jetzt handeln müssen.
00:27:14:21 - 00:27:28:09
Abigail Acton
Nun, das ist ein starkes Schlusswort für diese Folge. Ich danke Ihnen vielmals. Ausgezeichnet. Okay. Vielen Dank für eure wichtige Arbeit, ihr Lieben. Und zumindest erreicht sie jetzt ein etwas breiteres Publikum. Ich hoffe, dass sie sich die Zuhörenden zu Herzen nehmen werden. Vielen Dank für Ihre Zeit.
00:27:28:10 - 00:27:29:02
Alessio Rovere
Vielen Dank.
00:27:29:03 - 00:27:29:12
Eric Wolff
Auf Wiedersehen.
00:27:29:13 - 00:27:30:17
Gaël Durand
Vielen Dank an alle. Auf Wiedersehen.
00:27:30:18 - 00:27:31:14
Alessio Rovere
Auf Wiedersehen.
00:27:31:15 - 00:28:04:15
Abigail Acton
Auf Wiederhören. Vielen Dank, dass Sie dabei waren. Wenn Ihnen dieser Podcast gefallen hat, dann folgen Sie uns auf Spotify oder Apple, und besuchen Sie die Podcast-Homepage auf der CORDIS-Website. Melden Sie sich an, damit Ihnen nicht die spannendsten Ergebnisse der EU-finanzierten Forschung und Innovation entgehen. Und wenn Ihnen das Zuhören Freude bereitet hat, dann erzählen Sie es doch bitte weiter. Wir sprachen darüber, wie Roboter kleinen Weinbaubetrieben helfen können, im Geschäft zu bleiben, über innovative Methoden zum Nachweis von chemischen Stoffen, die bei möglichen Terroranschlägen eingesetzt werden, und darüber, wie das Darmmikrobiom das Ansprechen auf eine Chemotherapie bei betroffenen Menschen beeinflussen könnte.
00:28:04:17 - 00:28:23:24
Abigail Acton
Vielleicht sind Sie an einem Projekt beteiligt oder möchten eine Finanzierung beantragen. Werfen Sie einen Blick auf die CORDIS-Website und sehen Sie, womit sich andere in Ihrem Bereich beschäftigen. Seien Sie willkommen und entdecken Sie die Forschung, die offenbart, wie unsere Welt tickt. Wir freuen uns stets darauf, von Ihnen zu hören. Schreiben Sie uns eine Nachricht an editorial@cordis.europa.eu. Bis zum nächsten Mal.
Feinabstimmung der Modellierung zukünftiger Meeresspiegel unter Berücksichtigung des letzten Interglazials
Global ist der mittlere Meeresspiegel seit 1992 um rund acht Zentimeter gestiegen, wodurch die Wirtschaft, die Ökologie und die Existenz der Küstenregionen weltweit bedroht wird. Der Verlust an Landeis und die thermische Ausdehnung der Ozeane tragen gleichermaßen dazu bei: Der zukünftige Meeresspiegelanstieg wird maßgeblich vom höchst ungewissen Verhalten der Eisschilde in der Antarktis und in Grönland bestimmt werden. Die Gefahr eines raschen Kollabierens dieser Eisschilde, das möglicherweise bereits im Gange ist, verdeutlicht uns, wie anfällig die Menschheit gegenüber Veränderungen der Eisschilde ist. Um eine klarere Vorstellung davon zu bekommen, was uns bevorsteht, ist es daher überaus wichtig, mehr darüber zu erfahren, wie sie auf die globale Erwärmung reagieren. Unsere drei Gäste, die alle im Rahmen der EU-Forschungs- und Innovationsfinanzierung unterstützt wurden, haben an der Verbesserung unseres Verständnisses dieser Wechselwirkungen mitgewirkt. Heute sind hier, um ihre Arbeit mit uns zu teilen: Eric Wolff(öffnet in neuem Fenster), Ehrenmitglied des British Antarctic Survey(öffnet in neuem Fenster), der das Klima und die Umwelt der Vergangenheit vor allem anhand von Eisbohrkernen aus der Antarktis und Grönland untersucht. Er ist Royal-Society-Forschungsprofessor im Fachbereich Geowissenschaften(öffnet in neuem Fenster) der Universität Cambridge und koordinierte das Projekt WACSWAIN. Alessio Rovere(öffnet in neuem Fenster), Professor an der Fakultät für Umweltwissenschaften, Informatik und Statistik(öffnet in neuem Fenster) der Universität Venedig, interessiert sich für das Paläoklima und die Veränderungen des Meeresspiegels sowie dafür, wie geologische Prozesse die Küstengebiete im Verlauf der Zeit veränderten. Dieses Thema erforschte er im Rahmen des Projekts WARMCOASTS. Gaël Durand(öffnet in neuem Fenster) ist Forschungsdirektor am französischen Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung(öffnet in neuem Fenster) (CNRS) und hat sich auf die Modellierung der polaren Eisschilde und die Dynamik der Küstengletscher spezialisiert, wobei deren Auswirkungen auf den Meeresspiegelanstieg im Mittelpunkt stehen. Im Rahmen des Projekts PROTECT verbesserte er unser Verständnis in Bezug auf die Stabilität von Eisschilden und ihre möglichen Reaktionen auf den Klimawandel.
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