Eine historische Perspektive für den Naturschutz
Die Naturschutzinitiativen, darunter auch die Renaturierungsbewegung, sind in der Vergangenheit verwurzelt. Viele gegenwärtige Naturschutzinitiativen stützen sich tatsächlich auf bestimmte Vorstellungen aus der Vergangenheit, um künftige Naturschutzmaßnahmen zu legitimieren. „Naturschutz wird oft als zukunftsorientiert und ökologisch dargestellt, stützt sich jedoch häufig auf selektive Bilder der Vergangenheit – die Wiederherstellung unberührter Wildnis, traditioneller Kulturlandschaften, ausgestorbener Arten und vermeintlich harmonischer Beziehungen zwischen Mensch und Natur“, so Luregn Lenggenhager(öffnet in neuem Fenster), Assistenzprofessor am Zentrum für Afrikastudien der Universität Basel(öffnet in neuem Fenster). Laut einer von Lenggenhager im Rahmen des EU-finanzierten Projekts PANATURE(öffnet in neuem Fenster) durchgeführten Studie gibt es Unterschiede in den Bezügen zur Vergangenheit – beispielsweise zwischen dem südlichen Afrika und den europäischen Alpen. „Häufig werden ältere koloniale Gegensätze zwischen ‚wilden‘ ehemaligen Kolonien und ‚kultivierten‘ europäischen Landschaften reproduziert“, erklärt er. Da die im Naturschutz herangezogenen historischen Bezüge heutige Landrechte, Zugehörigkeit, Ausgrenzung und die zukünftige Umweltpolitik prägen können, plädiert Lenggenhager dafür, dass Forschende in den Bereichen Historik und Geisteswissenschaften aktiv in Naturschutzdebatten eingebunden werden müssen. „Mit dem Projekt PANATURE wollte ich einen historisch fundierteren, sozial gerechteren und kritisch reflektierten Naturschutz entwickeln“, fügt er hinzu.
Vergangenheitsbezüge sind für die Renaturierung von zentraler Bedeutung
In diesem über die Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen(öffnet in neuem Fenster) unterstützten Projekt verband Lenggenhager sehr konkrete lokale Geschichtsverläufe – sowohl im ländlichen südlichen Afrika als auch in den europäischen Alpen – mit übergeordneten Debatten über Naturschutz, Renaturierung und die Zukunft der Umwelt. Auf der Grundlage dieser Forschung kam Lenggenhager zu dem Schluss, dass Bezüge zur Vergangenheit für die Renaturierung und damit verbundene Naturschutzansätze von zentraler Bedeutung sind, selbst wenn solche Projekte geltend machen, zukunftsorientiert zu sein oder über historische Bezugspunkte hinauszugehen. „Geschichte fungiert nicht nur als Hintergrundinformation für den Naturschutz, sondern ist Teil dessen, wie Naturschutz gerechtfertigt und politisch durchgesetzt wird“, sagt er. Lenggenhager ist besonders stolz darauf, dass seine Forschung enge und intensive Debatten sowie den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen im südlichen Afrika ermöglichte, wodurch diese neue Projekte starten und eigene Forschungsarbeiten im Globalen Norden durchführen konnten. „Mithilfe des Projekts konnte ich – gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen – einigen Narrativen hochrangiger und einflussreicher Akteure im Naturschutz entgegentreten und die Geschichten von Menschen, die von unterdrückerischen Naturschutzprojekten betroffen waren, ans Licht bringen“, bemerkt Lenggenhager.
Die Zukunft des Naturschutzes kann nicht von der Vergangenheit getrennt werden
Das Projekt PANATURE hat die Rolle der historischen Forschung in aktuellen Naturschutzdebatten gestärkt und gleichzeitig Naturschutznarrative und -initiativen in Frage gestellt, die elitär, ungleich und gegen arme Bevölkerungsgruppen gerichtet sind. „Das zeigt, dass sich die Zukunft des Naturschutzes nicht von den historischen Bezügen trennen lässt, die ihrer Imagination und Legitimation zugrunde liegen“, bemerkt Lenggenhager. Ein fachlich begutachteter Artikel, der dieses Argument weiterentwickelt, befindet sich derzeit im Begutachtungsverfahren, und ein öffentlich zugänglicher Artikel in „Geschichte der Gegenwart“(öffnet in neuem Fenster) hat einige der Ergebnisse für ein breiteres Publikum übersetzt. Darüber hinaus trug das Projekt zu einer akzeptierten, gemeinsam verfassten Einleitung zu einem Sammelband bei, in dem Ute Dieckmann(öffnet in neuem Fenster) zum Thema Naturschutz in Deutschland und Namibia schreibt. „Ich bin zuversichtlich, dass diese Erkenntnisse und Veröffentlichungen diejenigen, deren Historien bisher unberücksichtigt blieben, bestärken und sie dabei unterstützen werden, noch deutlicher zu hinterfragen, welche sozialen und ökologischen Folgen diese Narrative haben“, schließt Lenggenhager.