Riesenfortschritte in der Behandlung von Wirbelsäulenverletzungen
Dank zweier bahnbrechender Studien, die demnächst ins klinische Versuchsstadium treten, rücken wirksame Behandlungsmöglichkeiten für Wirbelsäulenverletzungen in greifbare Nähe. In der ersten Studie wurden mithilfe von zwei Antikörpern Nervenzellen im Rückenmark von Ratten regeneriert. In der zweiten Studie wurden Nervenzellen aus der Nase ins Rückenmark transplantiert. Grundlage beider Techniken ist die Regeneration von Nervenzellen an der Bruchstelle, um somit die Verbindung der Nervenfasern wieder herzustellen. In der ersten Studie hat ein Forscherteam aus der Schweiz, aus Kanada und den Niederlanden unter der Leitung von Dr. Martin Schwab von der Universität Zürich die Aktivität des so genannten Nogo-A-Proteins mit Antikörpern blockiert. Dieses Protein verhindert, dass Nervenzellen neue Axone und damit neue Verbindungen bilden. Das Problem bei einer Behandlung mit den Antikörpern 11C7 und 7B12 liegt in der Tatsache, dass bei einer Blockierung von Nogo-A im ganzen Körper die Neuverbindung im Gehirn oder im Rückenmark stattfinden kann, was schwerwiegende Konsequenzen hat. Den Forschern ist es nun gelungen, die Antikörper mithilfe eines sehr feinen Katheters direkt zum verletzten Rückenmark der Ratten zu transportieren. Das Ergebnis war eine "verbesserte Regeneration und Reorganisation des verletzten zentralen Nervensystems nach der Verabreichung der beiden Antikörper", so der Forschungsbericht in Annals of Neurology. Das heißt, über der Verletzungsnarbe sind neue Nervenfasern gewachsen, "was in einer verbesserten Wiederherstellung der beeinträchtigten Funktionen bei Abwesenheit von Dysfunktionen resultierte", heißt es in dem Artikel weiter. Laut Dr. Schwab plant das Team schon "sehr bald" klinische Versuche. Unter Umständen können jedoch die Antikörper allein keine vollständige Heilung bewirken, da die Neuronen "ein Brücke benötigen, die die verletzten Nerven mit dem Rückenmark verbindet", erklärt eine der beteiligten Forscherinnen, Lisa Schnell, gegenüber dem New Scientist. Das Verfahren bedarf weiterer Wachstumsfaktoren, damit die Nervenzellen beständig wachsen und gesund bleiben. In der zweiten unabhängigen Studie hat Dr. Geoffrey Raisman, Leiter der University College London Spinal Repair Unit, Pionierarbeit mit olfaktorischen Hüllzellen geleistet. Diese Zellen verbinden die Nase mit dem Gehirn und ermöglichen somit den Geruchssinn des Menschen. Die Zellen sind insofern einzigartig, als dass sie sich das ganze Leben hindurch regenerieren. Wenn sie auf eine gebrochene Wirbelsäule transplantiert werden, bilden sie eine Brücke, über die sich die Zellen wieder verbinden können. "Es ist uns gelungen, komplexe Greif- und Steuerungsbewegungen mit der Vorderpfote [in Ratten] wieder herzustellen, also die Art von Funktionen, die für einen Patienten wichtig sind, wenn er seine rechte Hand nicht mehr bewegen kann. Wenn wir die Zellen an die verletzte Stelle transplantieren, kehrt die Funktionsfähigkeit zurück", erklärte er. Die Zellen werden so ähnlich eingesetzt wie Stammzellen. Der Unterschied besteht darin, dass diese Zellen sich bereits zu Nervenzellen herausdifferenziert haben, aber genau wie Stammzellen können sie noch wachsen. Dr. Raisman hat die olfaktorischen Hüllzellen vor 20 Jahren entdeckt, aber erst heute gibt es die notwendigen chirurgischen Techniken zur Durchführung der Operationen. Die Hüllzellen können unter örtlicher Betäubung entnommen werden, ein Verfahren, das keine dauerhaften Schäden hinterlässt. Dr. Raisman ist überzeugt, dass diese Technik weitreichende Implikationen hat: Sie ermögliche die Behandlung aller Arten neuronaler Schäden, von Blindheit über Herzinfarkt zu Taubheit. Dr. Schwab erklärte gegenüber CORDIS-Nachrichten: "Dr. Raisman und ich entwickeln zwei spezifische Lösungen für zwei spezifische Fragen." Auf die Frage, ob die von Dr. Raisman und ihm entwickelten Techniken auch kombiniert werden und in Zukunft eine noch bessere Lösung bieten könnten, antwortete Dr. Schwab: "Das ist langfristig definitiv möglich."
Länder
Kanada, Schweiz, Niederlande, Vereinigtes Königreich