Expertengremium rät der britischen Regierung zu einem vorläufigen "Nein" zur Kernkraft
Nach einem Jahr intensiver Datensammlung und Forschung ist das wichtigste Beratungsgremium der britischen Regierung zu nachhaltiger Entwicklung zu dem Schluss gekommen, dass es derzeit keine überzeugenden Argumente für ein neues Kernkraftprogramm gibt. Auf der Grundlage der Analyse von acht neuen Forschungsberichten wies die Kommission für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Commission - SDC) die Regierung darauf hin, dass Kernkraft weder die Antwort auf den Klimawandel sei noch die Energieversorgung sicherer machen könne. Sie erkannte jedoch an, dass Kernkraft als kohlenstoffarme Technologie im VK bis jetzt "beeindruckend" sicher gewesen sei. Bei der Vorstellung des Kernkraftberichts der SDC, der Teil der Antwort des Gremiums auf die aktuelle Überprüfung der Energiepolitik seitens der Regierung ist, sagte der Vorsitzende Jonathon Porritt: "Wir müssen unbedingt die Komplexität der Kernkraft akzeptieren. Zu oft ist die Diskussion polarisiert: Auf der einen Seite die NRO, die keinerlei Vorteile in der Kernkraft erkennen möchten, und auf der anderen Seite die Pro-Kernkraft-Lobby, die behauptet, diese Energieform sei die einzige Lösung, die uns zur Verfügung steht. Anstatt vorschnell Schlussfolgerungen zu ziehen, die nur unsere Vorurteile bestätigen, [...] müssen wir uns die Fakten ansehen." Und die Fakten, so die SDC, weisen darauf hin, dass Kernkraft auch weiterhin große Mengen Strom liefern, die CO2-Emissionen stabilisieren und die Energieversorgung im VK diversifizieren kann. Dennoch, so die Kommission weiter, würde sogar die Verdopplung der aktuellen Kapazitäten den CO2-Ausstoß bis 2035 um lediglich acht Prozent reduzieren, bis 2010 sogar überhaupt nicht. Der SDC-Bericht nennt insbesondere die folgenden Risiken und Nachteile: - der nukleare Abfall, für den es im Moment noch keine Lösung gibt, die auch von der Öffentlichkeit akzeptiert wird. Der finnische Ansatz könne hier jedoch als Modell für das VK dienen; - die Kosten, die vor allem für die Entwicklung einer neuen Generation an Kernkraftwerken als "hochgradig unsicher" gelten; - die Inflexibilität, da sich das VK gerade zu einem Zeitpunkt in ein zentralisiertes Verteilungssystem manövriert, zu dem die Möglichkeiten der Mikroerzeugung und der lokalen Verteilung deutlicher als je zuvor sind; - die Unterminierung der Energieeffizienz, da privaten und Industrieverbrauchern signalisiert wird, dass man lediglich eine technologische Lösung brauche; - die internationale Sicherheit, da das VK dieselbe Technologie anderen Ländern nicht vorenthalten könne, wo niedrigere Sicherheitsstandards die Risiken von Unfällen, militärischer Nutzung und Terroranschlägen steigern. Die SDC möchte nicht endgültig jede weitere Forschung zu nuklearen Technologien und den Problemen des radioaktiven Abfalls ausschließen, kommt aber zu dem Fazit, dass künftige technologische Entwicklungen unter Umständen eine Überprüfung der Fragestellung rechtfertigen. Zum jetzigen Zeitpunkt, so die SDC, könne der Energiebedarf im VK ohne Kernkraft gedeckt werden, zum Beispiel durch einen Mix aus kohlenstoffarmen Innovationen und einer massiven Förderung von Energieeffizienz und erneuerbaren Energien. Das würde dazu beitragen, dass das VK eine Spitzenposition in kohlenstoffarmen Technologien einnehmen könne, was zusätzlich die Wettbewerbsfähigkeit steigern würde. "Es macht wenig Sinn abzuleugnen, dass Kernkraft auch Vorteile hat, aber unserer Ansicht nach werden diese Vorteile durch die eklatanten Nachteile aufgehoben", schloss Porritt. "Die Regierung darf nicht länger nach einer einfachen Lösung für die Probleme Klimawandel und Energiekrisen suchen - es gibt keine einfache Lösung." Der britische Kernkraft-Industrieverband (Nuclear Industry Association - NIA) zeigte sich enttäuscht von den Schlussfolgerungen der SDC, begrüßte aber die Tatsache, dass die Kommission die Vorteile der Kernkraft anerkannt habe. Der Vorsitzende der NIA, Philip Dewhurst, meinte: "Wir sind zwar enttäuscht, dass die Kommission zu dem Schluss gekommen ist, die Regierung solle den Ersatz der aktuellen Kernkraftwerke nicht genehmigen, finden aber gleichzeitig das knappe Abstimmungsergebnis von 8 zu 7 Stimmen in der Kommission gegen neue Kernkraftwerke in vielerlei Hinsicht ermutigend." Der britische Energieminister Malcom Wicks wollte die Kernkraftoption auf der Grundlage des Berichts nicht ausschließen und betonte: "Wie die Kommission selbst erkannt hat, ist das keine Schwarz-Weiß-Frage." Er fügte hinzu, die Regierung wolle, wie im Bericht empfohlen, weiterhin das Potenzial der Kernkraft ausloten.
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