Zahl der britischen Tierversuche so hoch wie seit 13 Jahren nicht mehr
Die Zahl der an Versuchstieren durchgeführten wissenschaftlichen Verfahren im VK erhöhte sich 2005 um 1,4 Prozent auf 2,9 Millionen, so eine neue Statistik, die vom britischen Innenministerium veröffentlicht wurde. Laut der britischen Regierung ist die Gesamtzahl so hoch wie seit 1992 nicht mehr, der Anstieg komme jedoch durch den vermehrten Einsatz genetisch veränderter (GV)-Tiere zustande. GV-Tiere wurden in fast einer Million Verfahren eingesetzt, zwei Drittel davon entfielen jedoch auf die Zucht von GV-Jungtieren für einen Einsatz in späteren Experimenten. Mäuse, Ratten und andere Nagetiere wurden am häufigsten verwendet (84 Prozent), während acht bzw. vier Prozent auf Fische und Vögel entfielen. Hunde, Katzen, Pferde und nicht-menschliche Primaten machten zusammen weniger als ein Prozent der Gesamtzahl aus, jedoch ist die Anzahl der Primaten um elf Prozent gestiegen. 2005 wurden insgesamt 3.120 nicht-menschliche Primaten für 4.650 Verfahren verwendet. Dies bedeutet einen Anstieg von 12 Prozent bei Tieren und elf Prozent bei Verfahren. Der Anstieg war laut dem Innenministerium "hauptsächlich auf den Einsatz von Makaken in Versuchen zur pharmazeutischen Sicherheit und Effizienz zurückzuführen". Die British Union for the Abolition of Vivisection (BUAV) drückte ihre Bestürzung angesichts der Statistik aus: "Es ist paradox, dass der Grund für diesen Anstieg Versuche im Bereich der Arzneimittelsicherheit sind. In dem Jahr der Katastrophe im Northwick-Park-Krankenhaus mit Arzneimitteltests hat sich gezeigt, wie ineffektiv ein derartiger Einsatz von Primaten tatsächlich ist", heißt es in der Stellungnahme. "Diese Erfahrung, zusammen mit einer zunehmenden öffentlichen und wissenschaftlichen Erkenntnis, wie Primaten in Laboren leiden, führt zu wachsendem Druck, ihren Einsatz ganz zu verbieten. Über 150 MdEP [Mitglieder des Parlaments] haben eine parlamentarische Petition unterzeichnet, in der ein vollständiges Verbot einer Verwendung von Primaten in britischen und EU-Labors gefordert wird." Die britische Regierung weist ihrerseits darauf hin, dass die Anzahl der Tierversuche in den vergangenen 30 Jahren - trotz eines Anstiegs von sieben Prozent seit 2000 - insgesamt zurückgegangen sei. Die Anzahl der toxikologischen Versuche sei in den letzten zehn Jahren ebenfalls erheblich gesunken - auf sie entfielen 2005 14 Prozent aller Verfahren, verglichen mit 25 Prozent im Jahr 1995. Nicht-toxikologische Verfahren machen rund 86 Prozent der Verfahren aus, die 2005 begonnen wurden. Hauptbereiche der Forschung waren immunologische Studien, pharmazeutische Forschung und Entwicklung, Anatomie- und Krebsforschung. Genetisch veränderte Tiere wurden in 957.000 Verfahren eingesetzt. Auf sie entfallen 33 Prozent aller Verfahren im Jahr 2005. Rund 96 Prozent dieser Experimente wurden mit GV-Nagetieren durchgeführt. Die BUAV argumentiert, dass der Anstieg der Züchtung und Verwendung von GV-Tieren erschreckend sei. "GV-Tiere sind vielleicht die 'neueste Entwicklung', sie sind aber nichtsdestotrotz immer noch Tiere und keine menschlichen Wesen, egal wie ihre Gene manipuliert werden. Sie sind in keinerlei Hinsicht eine Wunderlösung für die Notwendigkeit, Heilungsmethoden für Menschen mithilfe von nicht menschlichen Wesen zu finden, und wir hoffen, dass Wissenschaftler dies bald erkennen", so eine Stellungnahme. Wissenschaftler argumentieren, dass GV-Tiere ein weitgehend normales Leben führen. John Martin, Director des Centre for Vascular Biology and Medicine am University College London, sagte der Zeitung "The Guardian", dass bei weniger als fünf Prozent der GV-Tiere irgendein Unterschied in ihrem Aussehen oder ihrer Lebenserwartung verglichen mit nicht veränderten Tieren festzustellen sei. John Richmond, ehemaliger leitender Prüfer des Gremiums im Innenministerium, das Tierforschungslabors prüft, sagte ebenfalls im Gespräch mit der Zeitung "The Guardian": "Die meisten GV-Tiere sind von normalen nicht zu unterscheiden. Es kommt selten vor, dass man GV-Tiere sieht, deren Wohlergehen offensichtlich beeinträchtigt ist." Das Innenministerium weist darauf hin, dass neue molekularbiologische Techniken neue Forschungsbereiche eröffnen, die zu einem vermehrten Einsatz genetisch veränderter Tiere führen werden. "Des Weiteren werden die im Weißbuch zur Chemikalienstrategie [REACH] der Europäischen Union dargelegten neuen regulatorischen Vorschläge, wenn sie angenommen und umgesetzt werden, ebenfalls zu einem verstärkten Einsatz von Tieren zu Zwecken der Gesundheit des Menschen und der Sicherheit führen", gibt das Innenministerium zu bedenken. Die Europäische Kommission ist sich darüber im Klaren, dass REACH voraussichtlich zu mehr Experimenten an Tieren führen wird, und hat zugesichert, alle Vorschläge zu Tierversuchen zu prüfen, um sie auf das absolute Minimum zu beschränken. REACH verpflichtet außerdem zu einem Datenaustausch zu allen Tierversuchsergebnissen und schreibt alternative Methoden vor, wo immer dies möglich ist.
Länder
Vereinigtes Königreich