Mädchen ins Rampenlicht rücken
Im vergangenen Jahr erhielten sechs begeisterte junge Mädchen aus ganz Europa die Chance, eine erfolgreiche Ingenieurin oder Technikerin einen Tag lang bei ihrer Arbeit zu begleiten. Ihre Erfahrungen, insbesondere wie der Tag ihre Meinung zu einer Laufbahn im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) beeinflusst hat, wurden im Rahmen einer Sendereihe als Videotagebücher aufgezeichnet, die am 8. März bei der Europäischen Kommission vorgestellt wurden. Die IKT in all ihren Formen ist aus unserem Alltagsleben nicht mehr wegzudenken. Dennoch sind nur wenige junge Menschen, insbesondere Frauen, an computerbezogenen Studien oder einer Karriere im IKT-Bereich interessiert. "Ich möchte heute die Alarmglocke läuten", warnte Viviane Reding, die zuständige EU-Kommissarin für die Bereiche Informationsgesellschaft und Medien, und verwies auf einige beunruhigende Zahlen. Wenngleich die Zahl der Hochschulabsolventen von Informatikstudiengängen in der EU von 1998 bis 2004 um 133 Prozent angestiegen ist, fiel der Anteil weiblicher Informatik-Absolventen von 25 Prozent im Jahr 1998 auf 22 Prozent im Jahr 2006, gegenüber 27 Prozent in Kanada, 28 Prozent in den USA und 38 Prozent in Südkorea. Bis 2010 dürften 300.000 qualifizierte IT-Kräfte in Europa fehlen. Von den wenigen Frauen, die sich für eine Laufbahn in der IKT-Branche entscheiden, geben viele auf und wählen einen anderen Beruf. Auch schafft es kaum eine Frau in diesem Bereich, eine leitende Führungsposition zu erlangen. Bei 14 europäischen IKT-Unternehmen sind weniger als 10 Prozent der Vorstandsmitglieder Frauen. Um diesen Trend zu durchbrechen, ist es Reding zufolge wichtig, junge Mädchen sehr früh über die Karriereaussichten im IKT-Sektor zu informieren. Die Videotagebücher, die an Schulen und Frauenvereinigungen in ganz Europa verteilt werden sollen, sollen einen Einblick geben, welche Arbeit sich wirklich hinter dem allgegenwärtigen Begriff IKT verbirgt. Fünf führende Technologieunternehmen (BT, Cisco, Infineon, Motorola und Nokia) beteiligten sich an diesem ersten Pilotprojekt. Und auch Reding selbst ermöglichte es einem jungen Mädchen, sie einen Tag lang bei der IST-Veranstaltung 2006 in Helsinki zu begleiten. "Die Videos vermitteln den Mädchen da draußen wirklich gut, wie interessant es ist, im IKT-Bereich zu arbeiten", so Reding. "Herausfordernd, bereichernd, cool!" Die Kommissarin hofft, dass junge Mädchen eine Karriere im IKT-Bereich künftig genau so betrachten werden. Viele der Mädchen, die die Ingenieurinnen und Technikerinnen begleiteten, sprachen darüber, wie diese Erfahrung dazu beigetragen hat, ihre vorgefasste Meinung über den Sektor und die Menschen, die in diesem tätig sind, zu ändern. Mariko Primarolo (16) begleitete eine Forscherin des britischen Telekommunikationsunternehmens BT. "Bei IKT denkt man sofort an Computer und kleine dünne Langweiler", sagte sie gegenüber CORDIS-Nachrichten. Mädchen seien mehr an der menschlichen Seite der Arbeit und an persönlicher Kommunikation interessiert. Dank der Rollenvorbild-Initiative sieht Primarolo jetzt, dass es bei IKT um wesentlich mehr als nur Technologie geht. Sie fand heraus, dass es auch darum geht, Menschen im Alltag zu unterstützen. Während ihres Besuchs bei BT wurden ihr Ausführungen von IT-Lösungen gezeigt, die wirklich etwas im Alltagsleben der Menschen bewirken. Besonders beeindruckt war sie von den Systemen zur Überwachung älterer Menschen, die diesen die Möglichkeit bieten, unabhängig zu leben, sowie von einem geschickten Gerät, das die Menschen dabei unterstützt, besser mit ihrem Stresslevel umzugehen. "Initiativen wie diese sind insofern gut, als sie bewährte Verfahren einiger Unternehmen zur Förderung der Vielfalt insgesamt aufzeigen können", so Caroline Persson, die Beraterin von BT in Sachen Europapolitik, die das BT-Projekt koordinierte. Sie hofft eigenen Angaben zufolge, dass durch das Experiment das Profil der Vielfalt vermehrt auf der Tagesordnung von Unternehmen stehen wird. Magda Rabiej, Software-Ingenieurin bei Motorola in Polen, erachtet Initiativen wie das Rollenvorbild-Experiment ebenfalls als wichtig. "Ich erinnere mich an die Zweifel, die ich als 17-Jährige hinsichtlich meiner künftigen Laufbahn hatte", sagte sie gegenüber CORDIS-Nachrichten. "Als ich aufs Gymnasium ging, war ich mir sicher, im IT-Bereich tätig werden zu wollen, aber die Leute, mit denen ich sprach, versuchten mich zu überzeugen, dass dies keine Laufbahn für Frauen sei. Rabiej beschloss, sich an dem Projekt zur Vielfalt in ihrem Unternehmen zu beteiligen, um junge Menschen, insbesondere Mädchen, zu ermutigen, Interesse an IKT zu entwickeln. "Es ist wichtig, dass einem jemand sagt: 'Mach dir keine Sorgen, es ist nicht so kompliziert, wie du denkst, es gibt da nicht nur Leute, die am Computer sitzen.'", so Rabiej. Letztes Jahr wurde sie von Ania Pers (17), einer Studentin aus Krakau, begleitet. Während ihres gemeinsamen Tages versuchte sie ihrer "Begleiterin" zu zeigen, inwiefern sie aufgrund der von ihr entwickelten Technologie auch außerhalb des Büros an spannenden Projekten arbeitete. Für Rabiej geht es bei IKT ebenso um Kommunikation wie um die Technologie. "Es geht um menschliche Interaktion, Gruppenarbeit und Gespräche mit den Kunden", erklärte sie CORDIS-Nachrichten. Manchmal besteht jedoch eine Kommunikationslücke zwischen Ingenieuren und Kunden in Bezug auf die Produktentwürfe. "IT-Ingenieure finden es schwierig, Alltagsleben in IT-Sprache zu übertragen", erklärte sie. Ebenso kann es Ingenieuren schwer fallen, dem Kunden ihre Entwurfsideen mitzuteilen. Bricht die Kommunikation zusammen, wird das Produkt wahrscheinlich scheitern. Rabiej ist der Ansicht, dass Frauen aufgrund ihrer natürlichen Kommunikationsfähigkeit perfekt für die Arbeit in dieser Branche und die Übertragung solcher Ideen auf leicht verständliche Weise geeignet sind. Seit der Einführung des Vielfaltsprogramms vor sieben Jahren hat Motorola einen Wandel der Ansichten junger Mädchen in Bezug auf IKT verzeichnet. "Zu Beginn des Projekts waren nur zwei Prozent der Studenten, die ein Studium der Computerwissenschaften an Krakauer Universitäten abschlossen, Frauen. Im vergangenen Jahr waren etwa zehn Prozent aller Technologieabsolventen weiblich", erklärte Justyna Ozog, Öffentlichkeitsbeauftragte bei Motorola Polen. Obwohl Motorola nicht behauptet, diesen Wandel herbeigeführt zu haben, ist es wie alle beteiligten Unternehmen der Ansicht, einen Beitrag zur Beeinflussung des Markts und zur Beseitigung von Hindernissen und Stereotypen in Bezug auf IKT zu leisten. Viele der an dem Rollenvorbild-Projekt beteiligten Mädchen hatten vorher nicht ernsthaft über eine Laufbahn in der Informationstechnologie nachgedacht. Jetzt scheinen jedoch alle von ihnen dies neben anderen Laufbahnoptionen durchaus in Erwägung zu ziehen. Ist die Mission damit nun erfüllt oder etwa nicht? Reding zufolge steht noch mehr Arbeit bevor. Seitens der Industrie muss die Unternehmenskultur geändert werden, um IT-Laufbahnen für Mädchen attraktiver zu machen. Sie dankte den beteiligten Unternehmen und forderte andere Unternehmen auf, es diesen gleich zu tun. Die Kommission wird ihrerseits in den kommenden Monaten eine Studie über die weibliche Beteiligung an computerbezogenen Studien und IKT-Laufbahnen veröffentlichen. Sie hofft, damit weiter für das Thema zu sensibilisieren. Reding versprach außerdem, die Videotagebücher im kommenden Jahr auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zu präsentieren, um die Industrie weltweit zu ermuntern, sich mit dem Defizit weiblicher IT-Fachkräfte zu befassen.