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Interview

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Mehr Sicherheit für Menschen bei Massenveranstaltungen

Massenveranstaltungen waren schon immer Inbegriff großer Feste. Durch Terroranschläge bei verschiedenen Zusammenkünften in jüngster Zeit fühlen sich die Bürgerinnen und Bürger jedoch verängstigt. Das Projekt LETS-CROWD (Law Enforcement agencies human factor methods and Toolkit for the Security and protection of CROWDs in mass gatherings) möchte dieser Angst durch bessere Planung und Überwachungsinstrumente für Strafverfolgungsbehörden sowie für politische Entscheidungsträger entgegenwirken.

Die tragischen Anschläge in Europa in den letzten Jahren haben die Strafverfolgungsbehörden oft überrascht. Die Vorgehensweisen von Terroristen waren nie zuvor so unvorhersehbar, und jede Massenveranstaltung löst bei den Behörden inzwischen Beunruhigung aus. Die Strafverfolgungsbehörden benötigen dringend innovative Sicherheitsinstrumente und -methoden, um diesen Bedrohungen besser begegnen zu können. Das Projekt LETS-CROWD orientiert sich am Vorbild des europäischen Sicherheitsmodells (ESM), das die zentralen Herausforderungen, Prioritäten, Grundsätze und Leitlinien in Bezug auf Sicherheitsfragen innerhalb der EU definiert. Das Projekt mit Schwerpunkt auf Massenveranstaltungen schafft auf Grundlage des ESM-Hauptgrundsatzes Richtlinien und unterstützende Instrumente, die Prävention und Antizipation in den Vordergrund stellen. Jordis Arias Martí, Projektmanager von ETRA I+D und Koordinator von LETS-CROWD, spricht mit uns über den erwarteten Beitrag des Projekts im Hinblick auf eine höhere Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger bei Massenveranstaltungen.

Worin sehen Sie die potenziellen Vorteile des europäischen Sicherheitsmodells, was den Umgang mit Massenveranstaltungen betrifft?

Das europäische Sicherheitsmodell spielt insbesondere bei der Organisation solcher Veranstaltungen eine wichtige Rolle, da diese häufig Ziel krimineller oder terroristischer Handlungen sind. Für Menschen, die sich an einem bestimmten Ort versammeln, muss der bestmögliche Schutz gewährleistet sein. Ausschlaggebend ist dabei, kriminelle und/oder terroristische Handlungen zu verhindern, zu bekämpfen, strafrechtlich zu verfolgen und wirksam anzugehen und Menschen davor zu schützen, um so das Sicherheitsgefühl zu stärken und zugleich Sicherheit und Bürgerrechte in Einklang zu bringen.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen bei der Umsetzung und warum sind diese besonders schwer zu überwinden? Und wie kann LETS-CROWD die entsprechenden Lücken schließen?

Um das ESM umzusetzen, müssen Strafverfolgungsbehörden in der Lage sein, die unterschiedlichen Phasen einer Veranstaltung – d. h. Planung, Durchführung und Nachbereitung – mithilfe einer Reihe spezieller Instrumente zu steuern. LETS-CROWD erleichtert ihnen diese Aufgabe durch Erzeugung von Signalen, Modellierung von Veranstaltungsorten und Ereignissen sowie durch die Bereitstellung einschlägiger Informationen, wie z. B. Tonaufnahmen, Bilder und Videos. Unsere Semantic Intelligence Engine [SIE] ist ein perfektes Beispiel für den Beitrag von LETS-CROWD. Damit können Informationen, die in Bezug auf eine Massenveranstaltung online veröffentlicht wurden, vor und während der jeweiligen Veranstaltung erfasst, überwacht und analysiert werden. Darüber hinaus nutzt unser System Methoden des maschinellen Lernens in einem Prototyp für „Human-Centred Computer Vision“ [HCV] zur menschzentrierten Bilderkennung, der die Strafverfolgungsbehörden bei der Nutzung von Videoüberwachungssystemen unterstützt.

Erzählen Sie uns bitte mehr über die weiteren Instrumente, die Sie entwickelt haben. Was macht sie so innovativ?

Unser wichtigstes Instrument ist der LETS-CROWD-Server: Dort können Behörden eine Veranstaltung erstellen und ergänzend relevante Informationen hinzufügen, wie z. B. Ereignis, Standort und weitere Informationen aus bestimmten Modulen. Wir sehen insgesamt sieben Instrumente vor. Neben der SIE und der HCV bieten wir außerdem das Instrument „Dynamic Risk Assessment“ [DRA]. Dieses bewertet Risiken dynamisch durch Auswertung von schwachen Signalen – d. h. verdächtigen Anzeichen von Aktivität, die im Einzelnen zwar keine Bedrohung darstellen, insgesamt betrachtet jedoch auf ein Risiko hindeuten könnten – sowie weiteren variablen Ereignissen. Das „Policy Making Toolkit“ [PMT] unterstützt politische Entscheidungsträger bei der Festlegung der Freigaben und Richtlinien für eine bestimmte Veranstaltung. Dieses Instrument ermöglicht verschiedene Aufgaben zu einer Veranstaltung, nämlich Datenmanagement, Genehmigungen, Richtlinienerstellung und Umsetzung. Dann gibt es noch das Instrument „Crowd Modelling and Planning“ [CMP], mit dem die Benutzer für die Besuchermassen einer Massenveranstaltung vorausplanen, unterschiedliche Szenarien während der Ausführung simulieren und diese Szenarien nach der Veranstaltung für Analysen und Schulungen heranziehen können. Mit dem Instrument „Real-Time Evacuation“ [RTE] können Strafverfolgungsbehörden potenzielle Evakuierungszeiten für Besucher einer Massenveranstaltung planen und ermitteln. Damit lassen sich innerhalb weniger Sekunden die Auswirkungen einer bestimmten Evakuierungsstrategie abschätzen. Zuletzt wären da noch unsere Verfahren für innovative Kommunikation, die im „ICP-Communication Toolkit“ zusammengefasst sind und dazu dienen, Veranstalter, Sicherheitsbedienstete und Ersthelfer zu sensibilisieren.

Wie haben Sie diese Instrumente getestet?

Das Validierungsverfahren von LETS-CROWD beruht auf dem Konzept des menschzentrierten Designs. Die Perspektive, die Bedürfnisse und die Anforderungen des Benutzers werden in den Entwicklungsphasen einbezogen, sodass an entscheidenden Punkten des Projektlebenszyklus das Feedback des Benutzers gesammelt werden kann. Da jedes Instrument ganz eigene, konkrete Funktionen und Komponenten besitzt, haben wir außerdem ein Validierungsinstrumentarium entwickelt, das die Datenerhebung bei praktischen Demonstrationen erleichtert. Dieses Instrumentarium umfasst unterschiedliche Hilfsmittel, wie zum Beispiel einen Validierungsfragebogen, eine Dokumentvorlage für die Nachbesprechung und eine Skala zur Bewertung der Anforderungsakzeptanz.

Was haben diese Tests ergeben?

Über 60 % der Teilnehmer aus Strafverfolgungsbehörden stuften die Instrumente von LETS-CROWD als sehr nützlich ein. Ebenso waren die Teilnehmer von der Benutzerfreundlichkeit überzeugt, wobei die Mehrzahl der Instrumente in der Bewertung auf der System Usability Scale [SUS] den Richtwert 68 von 100 möglichen Punkten übertrafen. Auch zur Effektivität erhielten wir wertvolles Feedback: Die Mehrzahl der Teilnehmer findet, dass die Instrumente von LETS-CROWD sie effektiv und effizient bei der Ausführung ihrer täglichen Arbeitsaufgaben unterstützen. Zwei weitere wichtige Feedback-Kriterien betrafen die Kompatibilität und den Reifegrad. Mehr als 70 % der Fachleute gaben an, dass die Instrumente mit ihren bereits vorhandenen Praktiken und Verfahren kompatibel waren, und stuften die meisten von ihnen als TRL 4 bis TRL 5 ein. Das bedeutet, dass die Hauptkomponenten nach Ansicht der Teilnehmer gut integriert und in simulierten Betriebsumgebungen bereits als einsatzfähig zu erachten sind.

Was planen Sie im Anschluss, insbesondere hinsichtlich der Kommerzialisierung?

Was die Geschäftsstrategie und Kommerzialisierung betrifft, muss noch weitere Arbeit geleistet werden. In der Abschlussphase des Projekts wird eine ausführliche Marktanalyse durchgeführt und ein Geschäftsplan mit Prognosen zu Investitionen und Einnahmen aufgestellt. Unser Ziel ist es, den Markt zu gestalten und mehr Endnutzer einzubinden, um wertvolle Informationen zu gewinnen und das Kundeninteresse weiter zu steigern. Als Mechanismen kommen dabei Einzelgespräche, Workshops, Konferenzen, Demonstrationen und zielgerichtete Dokumente in Frage.

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Spanien