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Music in Detention during the (Post) Civil-War Era in Greece (1947-1957)

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Tonangebend: Musik als Unterdrückungsmittel

Historische Belege von einer der berüchtigtesten Inseln Griechenlands zeigen die Entwicklung der Musik als Folterinstrument.

Gesellschaft

Die sonnenverwöhnte griechische Insel Makronisos blickt auf eine dunkle Vergangenheit zurück. Zwischen den 1940er und 1950er Jahren befanden sich dort Internierungslager, in denen angebliche Kommunisten, linke Soldaten und später auch politische Gefangene, darunter Frauen und Kinder, interniert und gezwungen wurden, sich von ihrer Ideologie loszusagen. „Diese Lager wurden nach außen als Experimente zur ‚Umerziehung‘, zur ‚Indoktrinierung‘ verkauft“, so Anna Papaeti, die Leiterin des MUSDEWAR-Projekts. „Doch in Wirklichkeit verbarg sich dahinter nichts als systematische Folter, Zwangsarbeit und menschenunwürdige Bedingungen – und Musik spielte dabei eine entscheidende Rolle.“ Durch die akribische Auswertung historischer Archive und Gespräche mit Überlebenden dieser Internierungslager erfasst Papaeti den gezielten Einsatz von Musik als Waffe auf Makronisos und die komplexe und manchmal widersprüchliche Rolle der Musik als Unterdrückungsmittel. „Aus den Berichten der Überlebenden geht hervor, dass erzwungenes Singen von Militärliedern und Liedern mit nationalistischem Gehalt, die mit dem Regime in Verbindung gebracht wurden, verstärkt eingesetzt wurden“, so Papaeti. „Es war eine Erniedrigung für all jene, die sie singen mussten.“ Die Inhaftierten konnten jederzeit zum Singen gezwungen werden, selbst dann, wenn sie schweres Gestein von einem Ende der Insel zum anderen und wieder zurück tragen mussten. Schließlich wurde 1948 ein Funksender an die Lautsprecher der Lager angeschlossen, um Musik (hauptsächlich nationalistischer Natur) und Reden zu übertragen – eine der ersten Rundfunkstationen in Griechenland. „Mit der Zeit sind dann auch Chöre und Musikgruppen entstanden, durch die die Beteiligten zeitweise von der Zwangsarbeit entbunden waren“, so Papaeti. Diese Gruppen spielten oft auch für Journalisten und Würdenträger, die das Lager besuchten, und gingen sogar auf Tournee. Erstaunlicherweise denken manche ehemalige Häftlinge gerne an diese Gruppen zurück. „Es besteht ein gewisser Zwiespalt“, so Papaeti. „Einerseits erzählen Überlebende davon, dass der Chor den beteiligten Häftlingen Freundschaft und Musik brachte, doch andererseits wurden sie damit zugleich zum Propagandainstrument ihrer Peiniger.“ Nach Papaetis Auffassung diente dieser Einsatz von Musik einem Konzept, das sie selbst als Schallumschließung bezeichnet: Menschen in geschlossenen Räumen ununterbrochen einer ständigen Musikbeschallung zwangsauszusetzen. Ausgeklügeltere Formen davon entstanden in den 1960er und 1970er Jahren in Griechenland: eine Kombination neuer Verhörmethoden auf der Grundlage der Entziehung sensorischer Reize, die später auch auf dem US-Stützpunkt in der Bucht von Guantánamo, Kuba, zum Einsatz kam. „Die Sichtweise auf die Musik als etwas Harmloses, ja sogar Tugendhaftes, täusche über die düstere Geschichte ihrer Rolle als Unterdrückungsmittel hinweg“, erklärt Papaeti. Ein ehemaliger Inhaftierter erzählte ihr, dass ihn der Klang der Klarinette bis heute mit Schrecken erfülle. „Man erkennt, wie etwas, das eigentlich als gut gilt, bei diesen Menschen dennoch bis ins hohe Alter seelische Wunden hinterlassen kann“, merkt Papaeti an. Durch ihre Arbeit zu Makronisos möchte Papaeti schließlich die Genealogie der Musik als Waffe zur Zeit des Kalten Krieges nachzeichnen. Ihre Forschung wurde im Rahmen der Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen unterstützt. Dadurch sei es ihr möglich gewesen, sich die nötige Zeit für die Recherche in Archiven, Propagandamaterial und Zeitungen zu nehmen und mit ehemaligen politischen Gefangenen zu sprechen. „Auf Musik war in diesem Bereich noch gar nicht eingegangen worden, deshalb war schon einiges an Nachforschung nötig, um an diese Informationen zu kommen“, sagt sie dazu. Im Anschluss plant Papaeti ein Buch über die Entwicklung der Musik als Unterdrückungsinstrument im Griechenland zur Zeit des Kalten Krieges und die komplexe Beziehung der Opfer zur Musik, in dem sie dieses Trauma begreiflich machen und die Gewalt als Teil der europäischen Geschichte thematisieren möchte.

Schlüsselbegriffe

MUSDEWAR, Musik, Folter, Unterdrückung, Gefängnis, Haft, Radio, Terror, Singen, Zwangsarbeit, Griechenland, Makronisos, Krieg

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