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Neue digitale Werkzeuge bewahren Geschichte der Seide und damit einen Teil der Geschichte Europas

Seide ist weitaus mehr als ein zarter Stoff. Ebenso verkörpert sie ein Symbol für Glück und Luxus. Sie ist außerdem tief in der europäischen Geschichte verwurzelt, bis hin zu dem Punkt, an dem sie zu einem wesentlichen Bestandteil unseres kulturellen Erbes geworden ist. Problematisch ist, dass sich dieses Erbe jetzt ernsthaft in Gefahr befindet.

Digitale Wirtschaft
Gesellschaft

Im Jahr 2017 was das in Frankreich ein großes Gesprächsthema. Das französische Textil- und Kunsthandwerkmuseum „Musée des Tissus“, das über 4 500 Jahre Textilgeschichte zeigt, musste wegen mangelnder Finanzierung fast geschlossen worden, bevor es im letzten Moment gerettet werden konnte. Dabei handelte es sich jedoch keineswegs um einen Einzelfall. Überall in Europa sind die großen Seidenmuseen, die diese Textilien eigentlich für zukünftige Generationen bewahren sollen, fast ebenso stark gefährdet wie die Stoffe fragil sind. Da es an personellen und technischen Mitteln mangelt, ist das Erbe der Seide den Menschen oft nicht zugänglich. Und sogar die Bemühungen, dieses Erbe digital zu bewahren, haben mit schlechter Kennzeichnung, vom Zufall abhängiger Qualität und mangelnder Zugänglichkeit zu kämpfen. Die Digitalisierungsbemühungen müssen verstärkt werden, und das Projekt SILKNOW (Silk heritage in the Knowledge Society: from punched cards to big data, deep learning and visual / tangible simulations) hat den richtigen Weg gewiesen. „Es besteht die ernste Gefahr, dass immaterielles Erbe, beispielsweise alte Webtechnik, mit der drohenden Schließung der wenigen Betriebe, in denen diese alten Maschinen noch laufen, einfach verschwindet. Der Kampf der Handwerksbetriebe, sich um des Wettbewerbs willen anpassen zu müssen, gefährdet ein reiches, lebendiges Erbe. Dank des von uns entwickelten intelligenten Datenverarbeitungssystems können wir diese Verfahren durch dreidimensionale Darstellungen von Geweben auf Ebene der Garne bewahren“, erläutert Cristina Portalés, technische Koordinatorin von SILKNOW im Auftrag der Universität Valencia. SILKNOW greift auf bereits existierende, digitalisierte Informationen über das gefährdete Erbe der Seide zurück, stellt sie aus, untersucht sie und bewahrt sie in Form digitaler Sammlungen. Zur Nutzung kann auf die Sammlungen über eine informative Suchmaschine, räumlich-zeitliche Karten und dreidimensionale Simulationen zugegriffen werden. „Wir entnehmen die Informationen den Datenbanken verschiedener Institutionen, elektronischen Katalogen und Programmierschnittstellen (API). Diese Daten werden dann mit moderner Textanalytik und bildgestützten Deep Learning-Verfahren analysiert und verarbeitet, um ihren Inhalt zu vereinheitlichen, automatisch semantische Informationen abzurufen, mangelhaft mit Schlagworten versehene Daten zu vervollständigen und den Text in vier Sprachen zu übersetzen“, erklärt Portalés. „Die Daten werden auf einen Wissensgraphen abgebildet, der über ADASilk (Advanced Data Analysis for Silk heritage) abgerufen und angezeigt werden kann. SILKNOW stellt diese Daten außerdem in räumlich-zeitlichen Karten, den sogenannten STMaps (Spatio-Temporal Maps) dar, die Beziehungen zwischen ihren Eigenschaften aufzeigen. Und zu guter Letzt können wir mit dem virtuellen Webstuhl Virtual Loom der Nachwelt die Webverfahren erhalten.“

Wissen für alle

SILKNOW steht allen offen. Mal angenommen, Sie betreiben eine traditionelle Textilfabrik und möchten zum Beispiel die Zufriedenheit ihrer Kundschaft verbessern. Dank Virtual Loom kann Ihre Kundschaft die fertigen Designs sehen, bevor sie überhaupt gewebt werden müssen, was viel Zeit und Geld spart. Farben, Garne, Webarten und -verfahren können geändert werden, sodass es möglich ist, mit neuen Designs und Materialien wie 3D-Drucken zu experimentieren. So erschließen sich ganz neue Märkte. Mit ADASilk können Sie sogar noch einen Schritt weiter gehen, indem Sie auf das Seidenerbe zugreifen, um Designs und Motive aus der Vergangenheit zu replizieren oder ganz neu zu erfinden. Ein weiterer interessanter Anwendungsfall, den Portalés vorstellte, ist der einer Lehrkraft für Spanisch, die Internetressourcen einsetzen möchte. „Wir haben spezielle Unterrichtsmaterialien unter dem Titel La Ruta de la Seda, Die Seidenstraße, entwickelt, um Spanisch anhand verschiedener Aspekte der Geschichte der Seide zu unterrichten. Ziel ist, dieses kulturelle Erbe weiterzuverbreiten und den kulturellen Austausch hervorzuheben, der durch die Produktion von und den Handel mit Seide ausgelöst wurde“, fügt sie hinzu. Weitere Beispiele sind Reiseführungen, bei denen ADASilk und der virtuelle Webstuhl genutzt werden, um der Öffentlichkeit das Seidenerbe zu präsentieren, oder auch Museen, die ihren Katalog anhand des mehrsprachigen SILKNOW-Thesaurus verbessern wollen. Die SILKNOW-Werkzeuge werden gegenwärtig noch unter Einbeziehung des Feedbacks von Studierenden an Designschulen und der Kreativindustrie evaluiert. Für die Zukunft sind ein Workshop mit Fachleuten aus über 40 Museen, die Zusammenarbeit mit Designschulen in Palermo und Lyon sowie eine Projektübernahme durch eine zwischenstaatliche Einrichtung geplant.

Schlüsselbegriffe

SILKNOW, Seide, Geschichte, Kulturerbe, Webtechnik, Webverfahren, elektronischer Katalog, Onlinekatalog, Textilien

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