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Die unsichtbare Stadt der Mapuche in Santiago de Chile ans Licht gebracht

Das Verständnis davon, wie der urbane Raum von marginalisierten und rassifizierten Gruppen wahrgenommen, in Frage gestellt und neu imaginiert wird, spielt eine entscheidende Rolle bei der Erfassung gegenwärtiger Spannungen. Es liefert auch wertvolle praktische und theoretische Instrumente für den Umgang mit aktuellen (urbanen) Konflikten.

Gesellschaft

Was heute von indigenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern als Mapuche-Diaspora bezeichnet wird, ist eine kritische Folge des Landverlustes und der Vertreibung der indigenen Mapuche gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Damals kam es zu einer Angliederung des zuvor unabhängigen Gebiets der Mapuche durch die jüngst entstandene Republik Chile. Dies führte zu einer massiven Land-Stadt-Migration, bei der die Mapuche-Bevölkerung in ärmere Viertel von Städten wie Temuco und Santiago zog. Hier bildete die indigene Bevölkerung die breite Unterschicht. Seit Kurzem wird ein neuer Begriff im Zusammenhang mit der indigenen Erfahrung der Stadt verwendet, der sowohl die zugrunde liegende Marginalität als auch das Durchhaltevermögen unterstreicht: Mapurbe. Er wurde vom Mapuche-Dichter David Añinir geprägt und setzt sich aus mapu (Erde) und urbe (Stadt) zusammen.

Die Stadt mit den Augen indigener Künstlerinnen und Künstler sehen

Das Projekt MAPS-URBE untersuchte die Auswirkungen von Vertreibung und sozialer Ausgrenzung auf indigene Jugendliche und ermittelte gemeinsam mit jungen Mapuche eine Reihe von gemeinsam ausgehandelten Forschungszielen. Sie entwickelten eine Reihe von kollaborativen und partizipativen Methoden wie Kartierung, Video, Aufführung und Ausstellung. „Dies ermöglicht ein besseres Verständnis indigener urbaner Erfahrungen als eine Art ‚Zwischenraum‘ – wie es durch den Begriff Mapurbe ausgedrückt wird. Er wird verwendet, um die fortdauernde Verhandlung von Vertreibung aus dem angestammten Territorium und von neuen Formen des Wohnens in der Stadt zu symbolisieren“, erklärt Projektmitarbeiterin Olivia Casagrande. Die im Rahmen der Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen durchgeführte Forschung erweitert unsere Kenntnisse darüber, wie junge, in Santiago de Chile lebende Mapuche den urbanen Raum erleben. Das Forschungsteam arbeitete mit einer Gruppe indigener Menschen zusammen, die sich mit Kunst und Aktivismus befassen, und untersuchte, wie Zeit und Raum im urbanen Kontext aus indigener Perspektive verarbeitet werden. Damit soll gezeigt werden, wie die persönliche und kollektive Vergangenheit aufgearbeitet wird.

Das Unsichtbare sichtbar machen

MAPS-URBE führte Anthropologie, performative Darstellung und kritische Kartografie zusammen, um die urbane Landschaft in ihren sozialräumlichen, materiellen und politischen Dimensionen zu analysieren und zu verstehen. Durch die Einbeziehung von Sichtweisen aus den Bereichen Anthropologie, indigener Aktivismus, Kunst und Wissenschaft generierte dieser Prozess Wissen, was mit anderen methodischen Ansätzen wahrscheinlich so nicht gelungen wäre. Die Multimodalität der Forschung begünstigt eine vielschichtige Komposition von Stimmen und Materialien, die auf der Projektwebsite eingesehen werden können. Sie werden auch in Kürze in einem gemeinsamen Buch erscheinen, das im Verlag Manchester University Press erscheinen soll. Die Projektarbeit endete mit einer künstlerischen Veranstaltung, die von den an der Forschung Teilnehmenden koproduziert wurde. Die Mapuche-Gemeinschaft und die allgemeine Öffentlichkeit wurden erfolgreich in die Ausstellung und die Aufführung einbezogen. Dadurch gelang es, einen wichtigen Raum für Debatten und Sichtbarkeit für die Mapuche zu schaffen und somit die im Forschungsantrag angestrebte „transkulturelle Kommunikation“ zu verwirklichen.

Schaffung eines Bewusstseins für multikulturelle städtische Umgebungen und sozioökonomische Ungleichheiten

Schließlich trug der Ansatz des Projekts dazu bei, interdisziplinäre Verbindungen zwischen Anthropologie, Geographie, Urbanistik und künstlerischen Disziplinen herzustellen und im gleichen Zug das Wissen über lateinamerikanische Städte zu erweitern. Außerdem eröffnet das Projekt auch einen Raum für zukünftige vergleichende Forschung mit anderen multikulturellen urbanen Kontexten, wie etwa europäischen Städten. „Diese Forschung ist von entscheidender Bedeutung in Zeiten, in denen physische und soziale Räume in Städten weltweit eine zentrale Rolle spielen und in denen es dringend notwendig ist, sich gemeinsam mit Themen wie Migration und Zugehörigkeit, diasporischen Identitäten, Prozessen der Rassifizierung und sozioökonomischen Ungleichheiten auseinanderzusetzen“, schließt Casagrande.

Schlüsselbegriffe

MAPS-URBE, indigen, Mapuche, urban, städtisch, Vertreibung, Anthropologie, Aufführung

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