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Interview

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Visuelle Bibliothek bietet neue Einblicke in die Geschichte der Arktis

Es ist immer spannend, zu sehen, wie die eigene Heimat in früheren Zeiten aussah. Für Menschen in der Arktis ist das jedoch extrem schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Das Projekt ARCVIS wollte das richtigstellen und durchsuchte Archive aus dem 19. Jahrhundert.

Gesellschaft

Es ist schwierig geworden, die Arktis aus einer Sichtweise zu betrachten, die sich nicht um schmelzende Polkappen, verhungernde Eisbären und die Bedrohung ungebremster Ausbeutung natürlicher Ressourcen dreht. Dass diese Gebiete eine eigene Geschichte und Bevölkerung haben, ist oft nur ein Nebengedanke, wenn es denn überhaupt beachtet wird. Eavan O’Dochartaigh wollte mit dem Projekt ARCVIS (Arctic Visible: Picturing Indigenous Communities in the Nineteenth-Century Western Arctic) ein neues Licht auf diese Gebiete werfen. Trotz COVID-19 und all den technischen Schwierigkeiten, die daraus resultierten, konnte sie eine Online-Sammlung von Archivskizzen, Gravuren, Litographien und Fotos zusammenstellen, die ein besseres Verständnis der Geschichte und Kultur dieser Region bieten werden.

Warum fanden Sie es notwendig, die Geschichte der lokalen Gemeinden in der Arktis neu zu erkunden? Was erhofften Sie sich zu entdecken?

Eavan O’Dochartaigh: Die vorherrschende und andauernde Vorstellung der Arktis ist ein menschenleerer Ort. Doch im Rahmen meiner Promotionsarbeit stieß ich immer wieder auf visuelle Repräsentationen indigener arktischer Völker (wie den Inuit, Tschuktschen, Yup‘ik, Iñupiat und Inuvialuit) in Bleistiftskizzen, Aquarellen und anderen Medien wie Fotos, Gravuren und Litographien. Ich hatte erwartet, dass sich meine Doktorarbeit eher um Darstellungen von Eis, Meereslandschaften und Landschaften drehen würde, und mir wurde klar, dass hier weiter geforscht werden muss. Ich hoffte, in Archivsammlungen Repräsentationen von Menschen zu finden, die noch wenig bekannt sind – insbesondere aus der Zeit vor der Fotografie – und die geografischen Ursprünge dieser Repräsentationen zu kartografieren.

Wie wurde diese Arbeit durch COVID-19 erschwert?

Die Pandemie kam im ersten Projektjahr auf und machte es unmöglich, Archivsammlungen einzusehen, die nicht vollständig online sind. Ich denke, das ist häufig eine Fehlvorstellung, jetzt wo alles digital verfügbar ist. In Wahrheit haben Archive nicht unbedingt die Ressourcen, ihre Sammlungen online frei zugänglich zu machen. In Archiven findet man auch viel „verstecktes“ Material. Illustrationen in persönlichen Tagebüchern könnten beispielsweise nicht einzeln katalogisiert sein. Da ich nicht zu Archiven reisen und Material auch nicht bestellen konnte, musste ich mich auf Sammlungen konzentrieren, die große Mengen relevanten Materials online haben. Dazu gehört die Polarkunstsammlung des Museums des Scott Polar Research Institute und die Sammlungen der Library and Archives Canada.

Mussten Sie deshalb Ihre Forschungsziele überarbeiten?

Aufgrund der Pandemie konnte ich nicht in die geplante Richtung forschen. Ich hatte beispielsweise Archivforschung an mehreren Institutionen geplant. Die Reise zu diesen Institutionen war dann natürlich unmöglich und da viele komplett geschlossen hatten, konnte ich nicht einmal Material bestellen. Glücklicherweise habe ich während der Pandemie einen Buchvertrag der Cambridge University Press angeboten bekommen, sodass ich die Förderung der Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen (MSCA) in diese Forschung umleiten konnte. Mit der Unterstützung meiner Projektleitung konnte ich diese Mittel für Bildgenehmigungen einsetzen. Insbesondere konnte ich jedoch diese andernfalls nicht genutzten Mittel einsetzen, um das Projektbuch absolut frei zugänglich zu machen. Es wird also online frei verfügbar sein. Das Buch behandelt die visuelle Kultur der britischen Arktisexpeditionen in der Mitte des 19. Jahrhunderts und basiert auf meiner Doktorarbeit. Die Arbeit im Rahmen des MSCA-Stipendiats war wichtig für die Überarbeitung des Manuskripts.

Ragen bestimmte Fotos Ihrer Meinung nach besonders heraus?

Es gibt ein Bild, das mich besonders beeindruckt hat. Es ist ein Portrait einer Yup‘ik-Frau aus Alaska von 1851 und befindet sich in den Museumsarchiven des Scott Polar Research Institute. Das Portrait von Koutoküdluk weist viele Eigenschaften auf, die es besonders machen und es ist sehr unüblich im Zusammenhang mit Arktisexpeditionen. Die Frau hat einen Namen und das Portrait wurde sehr einfühlsam gestaltet. Die Spuren und Makel auf dem Bild zeigen, dass es wiederholt gehalten wurde und deuten darauf hin, dass die Frau den Schöpfer des Portraits zutiefst berührt hat. Ein weiteres auffallendes Bild ist ein Portrait eines „Entdeckers“ von einem tschuktschischen Künstler. Es zeigt ihn als ziemlich hilflos im Gegensatz zu den gewohnten Bildern von eher heroischer Art, die wir mit Arktisexpeditionen verbinden.

Welche langfristigen Auswirkungen wird dieses Projekt haben?

Ich habe eine beachtliche Datenmenge zu der Repräsentation indigener Völker in der westlichen Arktis gesammelt und werde diese Daten in den kommenden Monaten auf einer Online-Plattform veröffentlichen. Die Plattform wird Daten aus verschiedenen Archiven auf der ganzen Welt umfassen, die nicht immer einfach auffindbar oder zugänglich sind, insbesondere für Menschen in der Arktis. Ich denke, das wichtigste Ergebnis wird die geografische Darstellung dieser Daten sein. Mit dieser können Menschen, die heute in der Arktis leben, visuelle Aufzeichnungen von Menschen einsehen, die im 19. Jahrhundert in ihrer Heimat waren.

Wir wird diese Forschung die allgemeine Sichtweise auf diese Gemeinden hinterfragen?

Ich hoffe, dass die Menschen verstehen, dass die Arktis mehr als nur ein leerer, eisiger Ort ist. Es wird heute so viel über schmelzendes Eis gesprochen, dass die Menschen, die in dieser Region leben, völlig vergessen werden.

Was kommt jetzt?

Ich habe kürzlich ein Postdoc-Stipendium des irischen Forschungsrats an der National University of Ireland in Galway angefangen, das mir die Möglichkeit bietet, auf meiner Forschung aufzubauen. Neben der Konsolidierung und Veröffentlichung der gesammelten Daten interessiere ich mich jetzt für Bilder der Arktis, die unsere Vorurteile hinterfragen, insbesondere solche, die eine komplexe und biologisch vielfältige Umgebung darstellen. Sowohl die Arbeit aus dem MSCA-Stipendium als auch die Ergebnisse aus dem aktuellen Stipendium werden in einem zweiten Buch zur visuellen Darstellung der Arktis im 19. Jahrhundert zusammenkommen.

Schlüsselbegriffe

ARCVIS, Arktis, Archive, Museum, Geschichte