Sind Verbote sozialer Medien die beste Lösung?
In einem bahnbrechenden Prozess über soziale Medien im März 2026 befand ein Geschworenengericht in den Vereinigten Staaten, dass sich Meta und Google der vorsätzlichen Suchtförderung bei einer Jugendlichen schuldig gemacht zu haben. Nachdem Australien im Dezember 2025 ein Verbot sozialer Medien für Jugendliche unter 16 Jahren aussprach, sind mehrere Länder diesem Beispiel für junge Menschen unter einem bestimmten Alter gefolgt. In Europa diskutieren die Länder derzeit über ihre eigenen rechtlichen Beschränkungen. Doch wird eine solche Strategie funktionieren? Professorin Sandra Cortesi und Professor Urs Gasser von der Technischen Universität München bezweifeln das. Infolge einer einjährigen Analyse sind sie zu dem Schluss gelangt, dass dieser Ansatz nach hinten losgehen und letztlich mehr schaden als nutzen könnte. Die in der Fachzeitschrift „Science“(öffnet in neuem Fenster) veröffentlichten Ergebnisse beruhen auf ihrer Analyse, die sie als Mitvorsitzende einer Arbeitsgruppe bestehend aus einem internationalen Gremium von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Kinderrechtsorganisationen und gemeinnützigen Einrichtungen durchführten.
Vertrauen statt Überwachung
Die beiden Forschenden argumentieren, dass pauschale Verbote sozialer Medien, Vorschriften zur elterlichen Kontrolle und umfassende Überwachungsregeln für Jugendliche in der Regel nicht zu einem Mehr an Sicherheit beitragen. Der Hauptgrund dafür ist das Vertrauen. Vertrauenszweifel führen dazu, dass Jugendliche Probleme eher verbergen, als dass sie die Hilfe von Erwachsenen in Anspruch nehmen, wenn sie sich überwacht oder ausgeschlossen fühlen. In einer Pressemitteilung(öffnet in neuem Fenster) erklärt Gasser, warum er gegen ein Verbot ist. „Wir sprechen uns nicht per se gegen Regulierung aus, gesetzliche Vorgaben sind unverzichtbar. Allerdings sind wir der Ansicht, dass die Politik mehr tun sollte als rote Linien zu ziehen. Vielmehr sollte sie die Anbieter verpflichten, ihre Plattformen und Produkte kindgerecht zu gestalten. Das ist anspruchsvoller als ein pauschales Verbot, aber auch vielversprechender. Denn wir wollen ja eigentlich, dass Kinder und Jugendliche lernen können, die Medien selbstbestimmt und mit einer für sie positiven Wirkung einzusetzen.“
Die Jugend zu digitaler Sicherheit ermächtigen
Cortesi betonte, dass junge Menschen mit Unterstützung durch das Schulsystem eine aktivere Rolle bei der digitalen Sicherheit übernehmen sollten. „Indem sie Kinder und Jugendliche beteiligen, haben die Schulen eine riesige Chance, ihnen zum einen eine Zukunft aufzuzeigen, in der die digitale Welt nicht nur voll von tausend Risiken ist, und ihnen zum anderen Selbstwirksamkeit zu ermöglichen. Die Botschaft wäre nicht: ,Wir zeigen euch, wie die digitale Welt funktioniert.‘ Sondern: ,Wir als Schulen haben einiges von euch zu lernen, weil wir vielleicht nicht alle Tools kennen, aber ihr genau wisst, wie man sie nutzen kann. Wir als Erwachsene haben aber auch Wichtiges beizutragen, sei es unsere gesellschaftlichen Werte oder unsere Erfahrung. Also lasst uns die Lerninhalte gemeinsam erstellen.‘ Damit würde für die digitale Sicherheit von Kindern und Jugendlichen viel erreicht werden.“ Aber was, wenn Einstellungen und strenge gesetzliche Schutzmaßnahmen junge Nutzerinnen und Nutzer nicht vollständig vor schädlichen Inhalten oder digitaler Gewalt schützen können? „Die Forschung zeigt, dass es wichtig ist, dass ältere Kinder und Jugendliche solche Inhalte und Verletzungen anonym melden können und sofort Beistand bekommen“, erklärt Gasser. „In vielen Fällen schämen sie sich und fühlen sich schuldig. Dann ist es wichtig, dass eine solche Meldung nicht wochenlang im Nirgendwo verschwindet, sondern dass unmittelbar Verständnis gezeigt und Hilfe angeboten wird. [...] In einigen Ländern gibt es bereits Hilfsangebote, bei denen dafür trainierte Jugendliche mit Unterstützung von Profis als Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner bereit stehen. Solche Angebote sollten zum Standard werden.“