Was ist aus den Zehntausenden einst gesprochenen Sprachen geworden?
Derzeit kommunizieren die Menschen in etwa 7.500 gesprochenen Sprachen. Das mag viel erscheinen, ist jedoch nur ein Bruchteil all der Sprachen, die jemals existiert haben. Ein Forschungsteam aus Deutschland, Spanien und den Vereinigten Staaten hat skizziert, wie sich die weltweite sprachliche Vielfalt in den letzten 12.000 Jahren wahrscheinlich verändert hat. Die in der Fachzeitschrift „Science“(öffnet in neuem Fenster) veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass die Anzahl der Sprachen während des größten Teils des Holozäns – eine Periode, die vor etwa 12.000 Jahren in Anfang nahm – anstieg.
Als Bevölkerungsgruppen die Welt eroberten
„Dieses Paper präsentiert einen innovativen Ansatz zum Verständnis der Dynamik der menschlichen kulturellen Vielfalt in der Vergangenheit und befasst sich mit einer der zentralen, aber am schwersten zu beantwortenden Fragen der Geisteswissenschaften“, kommentierte Co-Autor Marcus Hamilton von der Universität Texas at San Antonio in einer Pressemitteilung(öffnet in neuem Fenster). „Dem Fortschritt sind nicht durch mangelndes theoretisches Interesse Grenzen gesetzt gewesen, sondern durch die außerordentliche Komplexität bei der empirischen Beobachtung der relevanten Dynamiken.“ Diese Anzahl erreichte vor etwa 1.000 bis 3.000 Jahren ihren Höhepunkt – im sogenannten Goldenen Zeitalter, als 20.000 bis 75.000 Sprachen nebeneinander existierten. Daraufhin setzte ein rascher Rückgang ein. „Die Sprachen, die wir heute kennen, sind die Überlebenden eines massiven und hochselektiven historischen Engpasses“, erklärte Hauptautor Damian Blasi, Forscher am katalanischen Institut für Forschung und fortgeschrittene Studien in Spanien sowie an der Harvard-Universität. „Ein linguistisches Merkmal ist womöglich nicht deshalb gang und gäbe, weil es per se überlegen ist, sondern weil es durch expandierende Bevölkerungsgruppen weiterverbreitet wurde. Das Aussterben könnte die sprachliche Vielfalt weitaus tiefgreifender geprägt haben, als wir bisher angenommen haben.“ Das Forschungsteam vertritt die These, dass der Zusammenbruch lange vor dem europäischen Kolonialismus vor etwa 500 Jahren einsetzte. Die Sprachen, Bevölkerungsgruppen und Krankheiten wachsender Staaten und Reiche verbreiteten sich in unabhängige Gemeinschaften. Co-Autorin Claire Bowern von der Yale-Universität fügte hinzu: „Das überraschendste Ergebnis ist, wie spät der Höhepunkt offenbar stattfand.“
Wie der Ackerbau unseren Wortschatz vervielfachte
Der Ackerbau brachte Tausende neuer Sprachen hervor, ehe spätere Einflüsse viele davon auslöschten. Als sich Ackerbaugemeinschaften in neuen Landschaften ausbreiteten, führten die Entfernung und Trennung im Laufe der Zeit dazu, dass sich aus Dialekten völlig neue Sprachen herausbildeten. „Eine der ersten Überraschungen war, dass die Welt unmittelbar vor dem Ackerbau wahrscheinlich keine außergewöhnliche sprachliche Vielfalt aufwies“, erklärte Co-Autor Russell Gray, Direktor der Abteilung Sprach- und Kulturevolution am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Deutschland. „Es gab höchstwahrscheinlich weniger Sprachen als heute. Die sprachliche Vielfalt wuchs dann über Jahrtausende hinweg parallel zur menschlichen Bevölkerung.“ Die Schrift entstand erst vor etwa 6.000 Jahren, doch viele Sprachen verschwanden, bevor sie durch Schriftsysteme festgehalten werden konnten. Um diese Lücke zu schließen, musste das Forschungsteam ethnografische Daten von 171 Jäger- und Sammler- sowie Fischfanggemeinschaften, deren traditionelle Lebensweise durch Ackerbaugemeinschaften nicht drastisch verändert worden war, mit alten Bevölkerungsschätzungen sowie statistischen und sozialen Rechenmodellen kombinieren. Die Geschichte der menschlichen Sprachen folgte keinesfalls einem einfachen Abwärtstrend. Wenn Sie also meinen, dass Sprachen heutzutage schnell aussterben würden, lohnt ein Blick in die Geschichte, die noch schnellere Aussterbeprozesse gezeigt hat.