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Inhalt archiviert am 2024-04-23

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Feature Stories - Schutz der Privatsphäre im Zeitalter des mobilen Internets

Und wie viel interessante Informationen findet man wohl über Sie im Internet? Falls Sie ein begeisterter Nutzer sozialer Netzwerke wie Facebook, ein Mitglied von Online-Strategiespiel-Communities wie World of Warcraft oder Travian sind oder Anwendungen zur geografischen Ortung auf Ihrem Smartphone haben, fällt die Antwort wahrscheinlich reichhaltiger aus als Sie glauben. EU-finanzierte Forscher entwickeln nun Technologien zum Datenschutz und zum Schutz der Privatsphäre, die in unser mobiles, kontextreiches, geogetaggtes und sozial vernetztes Zeitalter passen.

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"Einige Leute könnten ja nun die Meinung vertreten, dass es ihnen egal ist, welche Informationen über sie online zugänglich sind, da sie nichts zu verbergen hätten, aber meiner Meinung nach will niemand, der bei klarem Verstand ist, private Informationen im Internet breitgetreten haben", sagt Prof. Dr. Kai Rannenberg, Inhaber der T-Mobile Stiftungsprofessur für Mobile Business & Multilateral Security an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, Deutschland. Es gäbe kaum Menschen, die beispielsweise wirklich wollten, dass ihre Kreditkartendaten für die ganze Welt sichtbar veröffentlicht werden, Familienmitglieder oder Kollegen kompromittierende Fotos zu sehen bekommen, oder dass jemand weiß, wo genau sie sich zu einem bestimmten Zeitpunkt aufhalten. Derartige Informationen können jedoch ihren Weg ins Internet finden und dort am Ende in die völlig falschen Hände gelangen. Dies geschieht entweder, weil die Leute sie zwar wissentlich, aber irrtümlich dort platzieren, da sie denken, nur bestimmte vertrauenswürdige Personen können sie sehen, oder auch in zunehmendem Maße deshalb, da Anwendungen diese Informationen automatisch übertragen. Dieses Problem besteht vor allem für Anwendungen zur geografischen Ortung und standortbasierte soziale Netzwerke auf Smartphones. "Viele Leute lesen nicht das Kleingedruckte dazu, wie mit den in sozialen Netzwerken ausgetauschten Informationen umgegangen wird, sie passen ihre Privatsphäre-Einstellungen gar nicht erst an oder verstehen schlicht nicht, wie die Einstellungen funktionieren, oder die Community verändert auf irgendeine Weise ihre Datenschutzrichtlinien oder -praktiken", erläutert Professor Rannenberg. Aber kann die Informationstechnologie, wenn sie nun schon Probleme mit dem Datenschutz erschaffen hat, nicht auch zum Einsatz kommen, um diese wieder aus der Welt zu schaffen? Dieser Gedanke steckt hinter dem PICOS-Projekt ("Privacy and Identity Management for Community Services"), einer von Prof. Rannenberg und seinem Team koordinierten bahnbrechenden Initiative, an der elf Hochschul- und Industriepartner in sieben europäischen Ländern beteiligt sind. Die PICOS-Forscher untersuchten die Möglichkeiten des Einsatzes von Technologien zur Verbesserung des Datenschutzes und zur Wahrung der Vertraulichkeit in sozialen Netzwerken, wobei insbesondere der Zugang zu Dienstleistungen von mobilen Geräten aus im Mittelpunkt stand. Das Projekt erhielt 4 Millionen EUR Finanzmittel von der Europäischen Kommission. Die Beteiligten entwickelten etliche Konzepte und Instrumente, die es den Menschen ermöglichen, private und sensible Informationen zu schützen, während sie aber weiterhin in der Lage sind, sich auszutauschen und die gewünschten Informationen an die jeweils Vertrauenswürdigen preiszugeben. Die zur Installation auf einem Smartphone gedachte PICOS-Anwendung beinhaltet Funktionen zum Identitätsmanagement, zur Steuerung von Informationsströmen, für den sicheren Austausch von Dateien und zur Verwischung von geografischen Standortinformationen sowie zur dynamischen und intelligenten Warnung der Nutzer vor möglichen Problemen mit dem Datenschutz im Laufe ihrer Onlineaktivitäten. Das System wurde in enger Absprache mit drei potenziellen Endnutzergemeinschaften entwickelt: Freizeitanglern, Onlinespielern und selbständigen Taxifahrern. Zwei dieser Gemeinschaften - Angler in Österreich und Deutschland sowie Onlinespieler in Österreich und der Tschechischen Republik - testeten außerdem in einer Reihe von Feldversuchen die fertige Plattform und die Anwendungen auf ihren Smartphones. Meine Identität und mein Standort ... weniger ist mehr "Ziel von PICOS ist, die Menschen dabei zu unterstützen, Informationen besser zu verwalten und genauer zu verstehen, für wen sie freigegeben werden. Das ist in sämtlichen sozialen Netzwerken wichtig, und ganz besonders dann, wenn es auch um Standortangaben geht - diese Informationen können tatsächlich hochempfindlich sein", erklärt Professor Rannenberg. Der Nutzer kann auf der Plattform beispielsweise partielle Identitäten - verschiedene Pseudonyme - zu unterschiedlichen Zwecken erstellen, wobei er in einem sozialen Online-Netzwerk mit einem vollständigeren Profil für Interaktionen mit vertrauten Freunden auftritt, während er eher flüchtigen Bekannten, anderen Gemeinschaftsmitgliedern oder der Öffentlichkeit weitaus weniger Informationen über sich selbst preisgibt. In ähnlicher Weise kann der Nutzer die Informationsströme in die Gemeinschaft oder in Untergruppen der Gemeinschaft steuern und auf einfache Weise festlegen, welche Dateien und für wen diese zugänglich sein sollen. "Die Angler-Einsatzszenarien zeigen ganz deutlich die Vorteile der Plattform", erläutert Professor Rannenberg. "Obgleich es viele Communitys gibt, die von dieser Technologie profitieren könnten, haben wir uns für die Angler entschieden, da sie eine ganz besonders gut geeignete Gruppe für mobiles soziales Netzwerken sind: Sie wollen durchaus mit anderen Anglern Informationen darüber austauschen, wo denn die Fische sind, sie sind geografisch verteilt und sie verfügen während des Wartens darauf, dass ein Fisch anbeißt, über die Zeit, um sich über ihre mobilen Geräte in sozialen Netzwerken zu bewegen. Aber sie wollen auch nicht zu allzuviel an Informationen preisgeben. Und den besten Fanggrund wollen sie mit Sicherheit nicht jedermann verraten." So könnte der Angler unter Einsatz der einen Identität innerhalb der breiteren Gemeinschaft nach Tipps zu Ködern und über die Wasserverhältnisse in einem Gebiet nachfragen. Will der Petrijünger dann gern vorzeigen, was er gefangen hat, könnte er dies per Foto tun und dabei eine andere Identität verwenden, die sich nur an eine aus vertrauten Freunden bestehende Untergruppe wendet. Außerdem überwacht ein persönlicher Ratgeber, der "Privacy Advisor", die Aktionen der Nutzer auf intelligente Weise. Er hilft ihnen beim Umgang mit persönlichen Daten und warnt sie durch entsprechende Hinweise, wenn sie im Begriff sind, etwaige sensible oder private Informationen preiszugeben. "Der Privacy Advisor hat eine Art doppelte Kontrolle zu bieten, mit der man sichergeht, dass sich die Menschen voll darüber im Klaren sind, was sie ins Internet stellen und wer es dort zu sehen bekommt", schildert Professor Rannenberg. Auch ein weiteres Merkmal der PICOS-Plattform, das Blurring-Konzept (Verwischen der Informationen) in Bezug auf den geografischen Standort, soll für ausreichend, aber nicht allzuviel Informationen sorgen. Während viele standortbezogene Apps und soziale Netzwerke auf Mobilgeräten durchaus die exakte Position einer Person übertragen, kann die PICOS-Anwendung den Standort innerhalb eines festgelegten Radius verwischen. "Der Nutzer kann die Genauigkeit auf 500 Meter, einen Kilometer oder fünf Kilometer festlegen, und das System meldet dann nur den ungefähren und nicht den genauen Standort ", ergänzt der Projektkoordinator. "Die Position erscheint dann innerhalb des unscharfen Radius nur verschwommen und der Anwender kann so auch nicht präzise lokalisiert werden." Während die Angler diese Funktion gut einsetzen könnten, um die Position richtig guter Angelplätze geheimzuhalten, dürfte sie für Online-Strategiespieler - ein weitere Gruppe von PICOS-Testnutzern - von Nutzen sein, um ihr Onlineleben und ihr Dasein in der realen Welt voneinander zu trennen. "Multiplayer-Online-Games wie World of Warcraft laufen rund um die Uhr und auch wenn die Mitglieder derartiger Communities gerade mal nicht spielen, werden sie doch oft mit anderen Spielern in Onlineforen chatten, planen und Strategien ausarbeiten. Oft aber wollen die Spieler aus persönlichen oder beruflichen Gründen nicht, dass sich ihr reales und ihr virtuelles Leben zu sehr in die Quere kommen - mehrere Online-Identitäten zu haben und die Anwendung des Geo-Location-Blurring sind hier eine Hilfe", erklärt Christian Kahl, Forscher des PICOS-Projekts. Angler und Online-Gamer sind nur einige Beispiele für Communitys, die von einem besseren Onlinedatenschutz und Management der Privatsphäre profitieren könnten. "Die von uns im Rahmen von PICOS definierten Konzepte sind überall und für jeden anwendbar, der Informationen im Internet freigibt - von Taxifahrern bis hin zu Geschäftsleuten", verdeutlicht Professor Rannenberg. "Da immer mehr Menschen den Onlinegemeinschaften beitreten und die Gesellschaft immer wissenfokussierter wird, werden auch die Gewährleistung von Privatsphäre und Datenschutz immer wichtiger." Die Mitglieder des PICOS-Konsortiums setzen die Forschung auf diesem Gebiet fort, um nachhaltige Auswirkungen ihrer Arbeit zu gewährleisten. Ein deutscher KMU-Partner, IT-Objects, konnte bereits eine Android-Version der PICOS-Anwendung entwickeln, die für Anwendungen im Geschäfts- und Freizeitbereich geeignet ist. PICOS erhielt Forschungsgelder innerhalb des Siebten Rahmenprogramms der Europäischen Union (RP7). Nützliche Links: - Projektwebsite "Privacy and identity management for community services" - PICOS-Projektfactsheet auf CORDIS Weiterführende Artikel: - Feature Stories - Wissenschaftler bringen dem klatschsüchtigen Internet Diskretion bei - Daten- und Identitätsschutz durch innovative, EU-finanzierte Technologie - EU-Projekte zu Vertrauensschutz und Sicherheit