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Europas postkoloniale Selbstwahrnehmung definieren

Mit Hilfe umfangreicher Feldforschung, Befragungen und vergleichender Analysen nähern sich EU-geförderte Forschende einem Verständnis davon, wie sich Europas koloniale Vergangenheit auf die Kinder und Enkel von Menschen auswirkt, die an der Entkolonialisierung beteiligt waren.

Gesellschaft

Die ehemaligen afrikanischen Kolonien von Belgien, Frankreich und Portugal existieren zwar nicht mehr als solche, doch die Nachwirkungen der Kolonisierung sind noch immer fester Bestandteil des europäischen Gefüges. Dies gilt besonders für Personen aus Algerien, Angola, der Demokratischen Republik Kongo, Guinea-Bissau, Kap Verde, Mosambik sowie São Tomé und Príncipe. Sind Auswirkungen von Erinnerungen an Kolonialzeiten, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden, noch heute in Europa zu spüren? Wie manifestieren sich solche Erinnerungen sozial und kulturell?Diese und ähnliche Fragen stellt das vom Europäischen Forschungsrat geförderte Projekt MEMOIRS.„Im Kern will das Projekt den Herausforderungen auf den Grund gehen, die das Leben im postkolonialen Europa mit sich bringt. In dieser multikulturellen Gesellschaft, die von starken – wenn auch oft latenten – Überbleibseln scheinbar vergessener Weltreiche geprägt ist“, sagt Margarida Calafate Ribeiro, leitende Forscherin am Zentrum für Sozialstudien der Universität Coimbra und Hauptforscherin des Projekts.Der Schwerpunkt lag auf generationsübergreifenden Erinnerungen von Kindern und Enkeln von Personen, die an der Entkolonialisierung beteiligt oder von ihr betroffen waren. Dazu wollte das Forschungsteam Europas postkoloniale Erbengeneration befragen. Durch umfangreiche Feldforschung, Befragungen und vergleichende Analysen fanden sie heraus, dass Kolonialismus für „Kinder der Weltreiche“ nicht in der Vergangenheit verhaftet, sondern ein bestimmender Faktor des heutigen Europas ist.

Teil der europäischen Geschichte

Im Verlauf des Projekts befragten die Forschenden in Belgien, Frankreich und Portugal über 160 Nachfahren der zweiten und dritten Generation von Kolonialherren und Kolonialisierten gleichermaßen. Ergänzend analysierten sie über 200 Aktivitäten von Kunstschaffenden und mehr als 300 künstlerische Arbeiten, um den wichtigen Beitrag dieser Erinnerungen zu bildenden und darstellenden Künsten, Literatur und Film nachvollziehen zu können.Bisherige Forschungsarbeiten konzentrierten sich zumeist auf Aussagen von Zeitzeugen der Kolonialzeit. Das Projekt MEMOIRS sticht nun dadurch hervor, dass es als eines der ersten das koloniale Erbe in postkolonialer Zeit betrachtet. „Unsere Befragungen waren mehr als reine Datenerhebungen, sie waren für die Befragten auch eine Gelegenheit, sich selbst als soziale und politische Subjekte in Europa zu begreifen“, erklärt Ribeiro. „Sie erkannten häufig zum allerersten Mal, wie ihre länderübergreifenden Familiengeschichten mit der Geschichte Europas verwoben sind.“Für die beteiligten Künstlerinnen und Künstler boten die Befragungen die Möglichkeit, kritisch zu reflektieren, sich mitzuteilen und kreativ zu werden. In mehreren Fällen ergaben sich auch neue kooperative Projekte, die sich mit der Bedeutung kolonialer Begegnungen für die Definition einer postkolonialen Selbstwahrnehmung Europas befassten.

Weiter diskutieren

Das Projekt MEMOIRS hat nicht nur lange notwendige Debatten über die postkoloniale Identität in Universitäten, Verbänden und kulturellen Zentren angestoßen, sondern auch auf politischer Ebene Wellen geschlagen. Beispielsweise unterziehen viele Museen ihre Sammlungen einer Neuinterpretation, um diese Identität besser spiegeln zu können, und einige Staaten (Belgien, Deutschland und Frankreich) übernehmen Verantwortung für ihre oft von Gewalt geprägte koloniale Vergangenheit.„Unser Ziel ist, dass die Konversation auf politischer, sozialer und kultureller Ebene weitergeht, damit diese postkolonialen Geschichten endlich als Teil von Europas Zeitgeschichte begriffen werden“, so Ribeiro weiter.Dazu arbeitet das Projekt in Frankreich und Portugal mit der Stiftung Calouste Gulbenkian Foundation, mit dem Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers in Frankreich und dem Africa Museum in Belgien zusammen. Gemeinsam organisieren sie eine Sonderausstellung, in der über die bildenden Künste das koloniale Erbe in postkolonialer Zeit neu interpretiert wird. Zusätzlich will das Projekt eine Datenbank postkolonialer Kunstschaffender in Europa aufbauen sowie aus den Befragungen im Rahmen des Projekts einen Podcast entwickeln.

Schlüsselbegriffe

MEMOIRS, postkolonial, kolonial, Entkolonialisierung, afrikanische Kolonien, Belgien, Frankreich, Portugal

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