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Auf den Straßen von Obermesopotamien: Wissenswertes über den Verkehr in der Bronzezeit

In der gesamten Geschichte der Menschheit waren Straßen stets ein Mittel der kulturellen, gesellschaftlichen und ökonomischen Interaktion. GeoMOP hat die Bewegungen in Obermesopotamien während der Bronzezeit mit Hilfe von Satellitenbildern und Modellen nachverfolgt, um Landschaftsveränderungen zu beobachten.

Gesellschaft

Vielleicht weil Straßen dermaßen allgegenwärtig und nützlich sind, nehmen wir sie als ganz selbstverständlich hin und wissen nur selten die Geschichte zu schätzen, die uns dort buchstäblich zu Füßen liegt. Dennoch erzählen uns Straßen viel darüber, wie die Gesellschaften der Vergangenheit und der Gegenwart funktionieren, wie sie Beziehungen zueinander eingehen, wachsen und schrumpfen. Antike Straßen spiegeln die sozialen, wirtschaftlichen, politischen und religiösen Verhältnisse früherer Gesellschaften wider. Um eine dynamische Typologie zu entwickeln, erkundete das im Rahmen der Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen EU-finanzierte Projekt GeoMOP bronzezeitliche Straßen und Wege in Obermesopotamien, der Kulturlandschaft „Dschazīra“, die im Nordwesten des Irak, dem Nordosten Syriens und dem Südosten der Türkei liegt. Nachdem die heute wachsende Vegetation als indirekter Indikator für antike Straßen erkannt wurde, setzte GeoMOP auf Fernerkundungsanalysen und agentenbasierte Modellierung, um die Entstehung und Nutzung dieser Straßen zu erforschen. „Indem wir Straßen ermittelt haben, auf denen möglicherweise ein höheres Verkehrsaufkommen als auf anderen herrschte, konnten wir zuvor statisch erscheinende Straßennetze in dynamische Karten umwandeln“, erklärt Marie-Skłodowska-Curie-Stipendiat Tuna Kalaycı. Unterstützt wird das Projekt vom Nationalen Forschungsrat in Italien.

Satellitenbildmaterial, in Kombination mit Modellierung

Der über die Jahrhunderte beständig dahinziehende Strom aus Menschen und Tieren entlang dieser trockenen Wege Obermesopotamiens verdichtete den Boden im Verhältnis zu dem sie umgebenden Land stark. Diese Bewegung höhlte die Straße aus und ließ sie im Vergleich zum Land auf beiden Seiten einsinken. Zur Beobachtung dieser Bewegungsmuster stützte sich GeoMOP auf hochauflösendes Bildmaterial des Spionagesatelliten CORONA aus den 1960er und frühen 1970er Jahren, das vor den Landnutzungsveränderungen der neueren Zeit aufgenommen wurde. Das Team nutzte gleichermaßen andere Satellitendaten, darunter optisches Multispektralmaterial und mit Radar mit synthetischer Apertur erzeugte Abbildungen, um indirekte Indikatoren zu ermitteln, die mit Veränderungen des Vegetationswachstums und des Feuchtigkeitsgehalts im Zusammenhang stehen. Auch dank dieses Ansatzes konnte das Team Gebiete finden, die stärker als andere verdichtet sind, was eine stärkere Nutzung anzeigt und somit vermuten lässt, dass es sich um antike Straßen handelt. Zu guter Letzt erstellte GeoMOP auch einige agentenbasierte Modelle, um die Entstehung dieser Straßen zu erforschen. Durch Ausführung vorprogrammierter virtueller „Agenten“, die etwa Schafe und Kühe auf bestimmten Pfaden darstellen, konnte das Team beobachteten, wie die Straßen wahrscheinlich im Lauf der Zeit entstanden sind. „Die agentenbasierte Modelle zeigten ihre wirkliche Stärke, als wir Umweltvariablen wie zum Beispiel die Niederschlagsmengen in das Ganze integrierten. Wir konnten sehr deutlich sehen, wie diese Straßen auch als Entwässerungskanäle dienten“, erläutert Kalaycı.

Eine Landschaft gerät in Bewegung

In Bezug auf die Wahl des Standorts erklärt Projektleiter Nicola Masini: „Obermesopotamien ist einzigartig, da hier in seltenem Detailreichtum klare Bewegungsmuster erhalten geblieben sind. Hier finden wir überzeugende visuelle Beweise dafür, wie die antiken Städte miteinander verbunden waren.“ Bedeutend ist diese Tatsache, da die archäologischen Beweise zeigen, dass es gegen Ende der Frühbronzezeit um 2 200 v. u. Z. aufgrund der raschen globalen Austrocknung einen „gesellschaftlichen Zusammenbruch“ gab. Ein ähnlicher Zusammenbruch, jedoch lokal auf den östlichen Mittelmeerraum begrenzt, ereignete sich auch gegen Ende der Spätbronzezeit (ca. 13. bis 12. Jahrhundert v. u. Z.). Gelingt es, für das östliche Mesopotamien den Zusammenhang zwischen zunehmender Aridifizierung und dem Niedergang der Städte zu untermauern, könnte mehr Licht in weitere ähnliche gesellschaftliche Niedergänge gebracht werden. Das Team hofft nun, seine Methodik auf andere historische städtische Landschaften anwenden zu können. GeoMOP hat nachgewiesen, wie dies mithilfe von Modifikationen der Projektmethode wie etwa dem Hinzufügen von Geophysik und urbanen Verkehrssimulationen zu realisieren ist. Vorerst konzentriert sich das Team darauf, weiterhin Forschungsartikel und den Berichtsband ihrer Konferenz The Archaeologies of Roads frei zugänglich zu veröffentlichen.

Schlüsselbegriffe

GeoMOP, Bronzezeit, Obermesopotamien, Dschazīra, Aridifizierung, Austrocknung, agentenbasierte Modelle, Satellit, Boden, Vegetation, Verkehr, Straßen

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