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Illuminating the 'Grey Zone': Addressing Complex Complicity in Human Rights Violations

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Die komplexe Geschichte der Gewalt – gegen das Vergessen

In repressiven Regimen sind Mittäterschaft und Widerstand keine Einzelaktionen, sondern ein Kontinuum mit fließenden Übergängen zwischen Opfer und Täter.

Gesellschaft

Welche Erinnerung bleibt von Gewalt und besonders von einer breiten Mittäterschaft in einer Gesellschaft? Das ist die zentrale Frage im EU-finanzierten Projekt GREYZONE. Es befasste sich mit Institutionen der Übergangsjustiz und den Grenzen ihrer Rechenschaftsprozesse zur Verhandlung vorangegangener Menschenrechtsverletzungen. „Wir haben autoritäre Regime, Apartheid und Militärdiktaturen betrachtet“, erklärt Projektkoordinatorin Mihaela Mihai. „Wir wollten vor allem herausfinden, wie es dazu kommt, dass eine breite Mittäterschaft und Formen des Widerstands, die nicht dem Heldenmodell entsprechen, häufig aus dem öffentlichen Gedächtnis gelöscht werden.“ Das Projekt verfolgte mit Unterstützung des Europäischen Forschungsrates drei Arbeitsziele: erstens, ein Konzept für Mittäterschaft mit staatlicher Gewalt zu erstellen und dazu einen strukturell und zeitlich abgestimmten Überblick über Rechenschaft zu liefern; zweitens, Widerstand so als Konzept zu definieren, dass das dominante Modell des „auserwählten Helden“ hinterfragt wird; und drittens, die Fähigkeit von Kunstwerken zu bewerten, unbequeme öffentliche Debatten über Mittäterschaft und Widerstand anzustoßen, und zwar in einer Form, die das Vergessen von Mittäterschaft infrage stellen kann.

Eine imaginierte Rechtswelt

Eine Übergangsjustiz kann Mihai zufolge Mittäterschaft mit staatlicher Gewalt nur begrenzt konzeptualisieren, weil sie aus einer imaginierten Rechtswelt entstanden ist. „Viele Fachleute und Fürsprecher der Übergangsjustiz kommen beruflich aus der Justiz, wo das Verständnis von politischer Verantwortung dem der rechtlichen Verantwortung nachempfunden ist“, sagt sie. Rechtliche Verantwortung bezieht sich meist auf eine klar abgrenzbare Tat eines Individuums zu einem bestimmten Zeitpunkt. „In einem beständigen repressiven Regime kann man als Opfer anfangen und im Laufe der Zeit zum Mittäter werden. Das Recht ist daher nur ein stumpfes Schwert, um das strukturelle, temporale und spektrale Problem der Gewalt an sich zu bekämpfen“, ergänzt Mihai. GREYZONE befasste sich mit vier verschiedenen Fallstudien zu den folgenden Themen: Autoritarismus und militärische Besetzung im französischen Vichy, koloniale Apartheid in Südafrika, kommunistischer Autoritarismus in Rumänien sowie die Militärdiktatur in Argentinien. Mihai und ihr Team an der Universität Edinburgh fanden heraus, dass die Individuen in jedem dieser Fälle anders auf systemische Gewalt reagierten und sich auf unterschiedliche Weise an ihr beteiligten. Außerdem ging es um Formen des von Mihai so bezeichneten „unreinen Widerstands“, bei dem Individuen manchmal Widerstand leisteten und sich manchmal aus Angst, persönlichem Ehrgeiz oder zum Schutz ihrer Angehörigen wegduckten. Dies steht im Gegensatz zum klassischen Bild, „dem normativen Modell des auserwählten Helden, der per Definition als souverän, unbelastet, mutig und üblicherweise auch als Mann gedacht wird, der mit herausragenden Tugenden und immenser Widerstandskraft in seinem Einsatz keinen Moment lang schwankt“, wie Mihai erklärt.

Unreiner Widerstand

Zusätzlich beschäftigte sich das Team mit Filmen und Literatur, in denen die vielen Gesichter von Mittäterschaft und Widerstand in all ihrer Komplexität erkennbar wurden. „Kunst kann ein Erinnern oftmals kraftvoller aufdecken, problematisieren und politisieren, als es zum Beispiel Gerichtsverhandlungen oder Untersuchungsausschüsse könnten“, ergänzt Mihai. „Kunstwerke sind Inspiration für die Öffentlichkeit – intellektuell, emotional, sensorisch – damit diese eine komplexere Sicht auf Mittäterschaft und Widerstand einnehmen kann.“ Indem sie Akten der Solidarität und des Widerstands eine Bühne geben, die bisher nicht als solche anerkannt waren, wollen Mihai und ihr Team für mehr Sichtbarkeit sorgen – auch in der Hoffnung, dass sich die Vorstellung der Menschen erweitert, was sie selbst gegen verschiedene Formen der Unterdrückung unternehmen können. „Weil das Heldenmodell eben die Ausnahme ist, ist es so entfremdend“, so Mihai. „Wenn die Gesellschaft einen Helden braucht, sind viele normale Menschen entmutigt, dabei kann bereits unreiner Widerstand unter repressiven politischen Umständen viel bewirken.“ Die Ergebnisse der Studie wurden über viele internationale Kanäle verbreitet und Mihais eigener Beitrag dazu ist auch Thema ihres in Kürze erscheinenden Buches: „Caring for Memory: The Arts of Complicity and Impure Resistances“ (etwa: „Gegen das Vergessen: Mittäterschaft und unreiner Widerstand in der Kunst“).

Schlüsselbegriffe

GREYZONE, Mittäterschaft, Widerstand, systemisch, Gewalt, Autoritarismus, Apartheid, Diktatur, Held, Heldin

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