Kann sich das Gehirn mit zunehmendem Alter weiter verbessern?
Altern ist unvermeidlich. Und das gilt auch für den kognitiven Verfall – oder etwa nicht? Vergessen Sie alles, was man Sie all die Jahre über den zu erwartenden geistigen Verfall glauben lassen hat. Ein Forschungsteam am Center for BrainHealth (CBH) der University of Texas at Dallas behauptet, dass das Gehirn tatsächlich immer stärker und leistungsfähiger werden kann, ganz unabhängig davon, wie Sie sind. Bei der in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“(öffnet in neuem Fenster) veröffentlichten Studie dienten Daten aus dem The BrainHealth Project, das 2020 vom CBH ins Leben gerufen wurde, der Erforschung der Tatsache, wie wir unsere Gehirngesundheit ein Leben lang verbessern und erhalten können.
Mentale Fitness aufbauen
Im Rahmen der Studie wurden Gehirngesundheit und -leistungsfähigkeit der Teilnehmenden anhand des vom CBH-Forschungsteam entwickelten BrainHealth Index (BHI) bewertet. Im Mittelpunkt stehen Klarheit (die Fähigkeit, sich in komplexen Situationen zurechtzufinden und neue Chancen oder Lösungen zu erschaffen), emotionales Gleichgewicht sowie Verbundenheit mit anderen Menschen und das Gefühl der Sinnhaftigkeit. Die Forscherinnen und Forscher begleiteten fast 4 000 Erwachsene im Alter von 19 bis 94 Jahren, um herauszufinden, ob tägliches Gehirntraining die Hirngesundheit unabhängig vom Alter erheblich steigern kann. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer widmeten sich jeden Tag nur fünf bis fünfzehn Minuten kurzen Gehirntrainingsübungen, wobei ihre Fortschritte über einen Zeitraum von drei Jahren nachverfolgt wurden. Je länger sie diese tägliche Gewohnheit beibehielten, desto stärker verbesserte sich ihre Gehirnleistung – und die positiven Auswirkungen wiesen keine Grenzen auf. „Jedes Gehirn ist ebenso einzigartig wie ein Fingerabdruck und verfügt über Wachstumspotenzial“, kommentierte die Erstautorin Lori Cook, außerordentliche Assistenzprofessorin an der School of Behavioral and Brain Sciences, in einer Pressemeldung(öffnet in neuem Fenster). „Diese Studie stellt das vorherrschende Narrativ vom unvermeidlichen kognitiven Verfall in Frage und legt stattdessen nahe, dass die Gesundheit des Gehirns in jedem Alter proaktiv gepflegt werden kann.“
Es ist nie zu spät
Selbst bei den über 80-Jährigen zeigten die Ergebnisse messbare Zugewinne in der Hirngesundheit. Damit wurde nachgewiesen, dass wir in jeder Lebensphase von Gehirntraining profitieren können, und es dabei ganz egal ist, ob wir schon früh unsere geistige Leistungsfähigkeit steigern oder im Alter unsere kognitive Gesundheit bewahren möchten. „Viel zu lange haben wir uns von der veralteten Vorstellung leiten lassen, dass wir erst warten müssen, bis etwas Schlimmes mit unserem Gehirn passiert, bevor wir etwas für es tun“, erklärte die Seniorautorin Sandra Bond Chapman. „Diese Studie erinnert uns daran, dass unser Gehirn nicht durch das Alter bestimmt wird, sondern durch die Möglichkeiten.“ Die Ergebnisse zeigten, dass bei den Teilnehmenden, die zu Beginn die niedrigsten BHI-Werte aufwiesen, die größten Verbesserungen zu verzeichnen waren. „Diejenigen, die auf der untersten Stufe beginnen, scheinen dabei die größten Wachstumschancen zu haben und bringen möglicherweise bereits von vornherein mehr Bedenken mit“, erklärte Cook. „Daher sind sie möglicherweise eher bereit, die nötige Zeit zu investieren, um weiteres Wachstumspotenzial zu erschließen. Es ist jedoch bemerkenswert, dass wir selbst bei denjenigen, die bereits als Menschen mit hoher Hirnleistung eingestiegen sind, messbares Wachstum feststellen konnten.“ Die Ergebnisse bewiesen, dass die Verbesserung weder vom Alter noch vom Geschlecht oder vom Bildungsstand abhing. Es ging allein um den Grad des Engagements. Die Teilnehmenden erlebten durch ihr Engagement positive Veränderungen. „Die Gesundheit des Gehirns ist nicht nur etwas, das wir zu erhalten versuchen; wir können sie im Verlauf der Zeit aktiv mitgestalten“, betonte Cook abschließend. „Forschungsarbeiten wie die unsere, die eine objektive Messgröße für die Gesundheit des Gehirns liefern, die die Menschen über einen längeren Zeitraum hinweg verfolgen können, können das öffentliche Bewusstsein nur noch weiter schärfen.“