Von Unfallstatistiken zur vorausschauenden Sicherheit im Straßenverkehr
Fahrräder, E-Scooter und andere Formen der Mikromobilität werden in städtischen Umgebungen immer mehr gang und gäbe. Dadurch rückt die Sicherheit der Nutzerschaft verstärkt in den Fokus. Während Autos über fortschrittliche Sicherheitstechnologien verfügen (und oftmals eine in erster Linie für ihre Nutzung konzipierte Infrastruktur nutzen), profitieren Nutzerinnen und Nutzer der Mikromobilität nicht von dem gleichen Maß an Schutz. Die Lösung dieser Herausforderung ist zu einer politischen Priorität der EU geworden. Das langfristige Ziel der EU-Strategie „Vision Zero“(öffnet in neuem Fenster) besteht darin, die Zahl der Todesopfer im Straßenverkehr bis 2050 möglichst auf Null zu senken. Hierzu untersuchen Projekte wie SOTERIA(öffnet in neuem Fenster), wie Daten, Technologie und bürgerliche Beteiligung Städten bei der Unfallprävention helfen können.
Die Bürgerinnen und Bürger zur Mitwirkung an der Lösung ermächtigen
SOTERIA untersuchte, wie Städte über die reine Verwendung von Unfallstatistiken hinausgehend Mobilitäts-, Infrastruktur- und Verhaltensdaten kombinieren können, um Risiken zu erkennen, bevor sich Kollisionen ereignen. Neben diesem technischen Ansatz ermächtigte das Projekt die Bürgerinnen und Bürger durch Co-Creation-Aktivitäten und Living Labs zur aktiven Mitwirkung an einer sichereren städtischen Mobilität. Es wurden offene Workshops veranstaltet, um Verkehrsteilnehmenden die Möglichkeit zu geben, über ihre Mobilitätserfahrungen zu sprechen und über Lösungen für alltägliche Herausforderungen zu reflektieren. „Ein Lieferdienst wollte beispielsweise Wege für den besseren Schutz der Mitarbeitenden finden“, sagt Marina Georgiou von Netcompany(öffnet in neuem Fenster) in Luxemburg, die an Projekt SOTERIA mitwirkte. Neben der Einbindung von Interessengruppen führte SOTERIA verschiedene Quellen für Mobilitäts- und Infrastrukturdaten zusammen, um vorausschauende Analysen zur Sicherheit im Straßenverkehr zu unterstützen. Das Projekt untersuchte zudem Möglichkeiten für einen sicheren Datenaustausch zwischen Interessengruppen. Es wurden Werkzeuge für KI (künstliche Intelligenz)-unterstützte Analysen, die Erkennung von Beinaheunfällen, die sicherere Routenplanung sowie die Situationserkennung entwickelt, um Städten dabei zu helfen, Risiken für die Sicherheit im Straßenverkehr besser verstehen und vorhersehen zu können.
Verschiedene Mobilitätsherausforderungen auf dem Prüfstand
Diese Ansätze wurden in vier Living Labs validiert, die sehr unterschiedliche Mobilitätsumgebungen repräsentierten. Madrid bot eine dicht besiedelte städtische Umgebung; Sachsen vereinte städtische und ländliche Kontexte; Oxford repräsentierte eine Universitätsstadt mit einem hohen Anteil an aktiver Mobilität; während Chania und Igoumenitsa die Herausforderungen des saisonalen Tourismus und sich rasch ändernder Verkehrsmuster verdeutlichten. Das Living Lab in Oxford sammelte beispielsweise Erkenntnisse zu Sicherheitsherausforderungen beim Radfahren und erprobte innovative sensorische Lösungen, die die Sicherheit beim Zufußgehen und bei der Nutzung von Mikromobilität verbessern sollen. In Madrid wurde in Zusammenarbeit mit der örtlichen Polizei der Prototyp eines digitalen Werkzeugs getestet, das eine proaktivere Sicherheit im Straßenverkehr ermöglichen soll. „Das Projektteam analysierte zudem politische Maßnahmen und Unfallberichte und erfasste mithilfe von Sensor-Kits und intelligenten Kameras gleichzeitig systematisch Informationen zu Beinaheunfällen“, fügt Georgiou hinzu. „Beinaheunfälle sind oft das fehlende Puzzleteil, da sie gefährliche Situationen aufdecken, bevor es zu schweren Kollisionen kommt.“
Intelligente Anwendungen und KI-gestützte Werkzeuge
Diese Living Labs lieferten spezifisches, für den jeweiligen Standort relevantes Feedback – beispielsweise das Fehlen erforderlicher Unterführungen an Kreuzungen in Oxford – und hoben zudem Herausforderungen hervor, die allen Standorten gemeinsam waren. Dazu gehörten ein Mangel an gut ausgewiesenen Radwegen, ein schlechter Zustand von Straßenoberflächen, eine unzureichende Straßenbeleuchtung und -beschilderung sowie Herausforderungen bei der Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderungen. Auf dieser Grundlage konnte das Projektteam gemeinsame Lösungen identifizieren, die von lokalen Behörden und politischen Verantwortlichen umgesetzt werden können. Darunter etwa die Umsetzung umfassender Infrastrukturverbesserungen und -anpassungen zur Erhöhung der Sicherheit im Straßenverkehr sowie die Durchführung von Sensibilisierungskampagnen zur Förderung einer sichereren Teilnahme am Straßenverkehr. Zu den technologischen Prototyp-Lösungen zählten KI-gestützte Anwendungen für die Unterstützung einer sichereren Routenplanung, Verhaltensanreize („Nudging“) sowie die bürgerliche Meldung von Gefahren für Fußgängerinnen und Fußgänger, Radfahrerinnen und Radfahrer sowie andere schutzbedürftige Verkehrsteilnehmende. Abgesehen von diesen Technologien stattet SOTERIA Städte mit praktischen Leitlinien in Bezug auf die proaktive Sicherheit im Straßenverkehr, die Datengovernance, die Einbindung von Interessengruppen wie auch mit politischen Empfehlungen aus, um eine Grundlage für städtische Gemeinschaften zu schaffen, die Risiken vor dem Eintreten von Kollisionen reduzieren und zu Europas weiter gefassten Zielen von „Vision Zero“ beitragen möchten.