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Vom Stimmungsaufheller zum Heilmittel gegen Gehirnerkrankungen

Ein Antidepressivum, das nach Phase-II-Studien abgesetzt wurde, erhält ein neues Leben als Behandlung für neurodegenerative Erkrankungen.

Gesundheit

Neurodegenerative Erkrankungen stellen ein zunehmendes Problem in westlichen Gesellschaften dar. So sind allein 10 Millionen Menschen in der EU von Demenz betroffen. Die Kosten für die Behandlung von Demenz werden in der EU bis 2030 voraussichtlich über 250 Mrd. EUR betragen. Das französische Biotechnologieunternehmen SigmaThera, das im Rahmen des Projekts NeuroPA von der EU unterstützt wurde, hat sich zum Ziel gesetzt, durch die Umnutzung eines ursprünglich als Heilmittel gegen Depressionen erprobten Arzneimittels auf den Bedarf an wirksamen Behandlungsmethoden für neurodegenerative Erkrankungen zu reagieren. Im Falle eines Erfolgs wird SigmaThera dadurch Zugang zu einem Markt erhalten, der ein Geschäftsvolumen von 6,2 Mrd. EUR umfasst.

Frühes Versprechen

Vor 25 Jahren gehörte der Projektkoordinator von NeuroPA François Roman zu einem Team bei Parke-Davis, das an SIT-161 arbeitete, einem Molekül, das einen als Sigma-1 bekannten Rezeptor im Gehirn aktiviert. Dieser Rezeptor ist an einer Vielzahl von Prozessen beteiligt, einschließlich des Magen-Darm-Systems und der Stimmung. „Wir haben viele Bereiche der Psychiatrie erforscht, uns mit Angstzuständen und Depressionen befasst und dieses Arzneimittel von 1997 bis 2000 für die Behandlung schwerer Depressionen vorangetrieben“, sagt er. In neun Studien in der EU und den Vereinigten Staaten erhielten mehr als 1 000 Menschen das Medikament. Doch obwohl es gut vertragen wurde, kam es nach der Übernahme von Parke-Davis durch Pfizer im Jahr 2000 zu einer Umverteilung der Ressourcen auf andere Erkrankungen und das Präparat wurde auf die lange Bank geschoben. Sechzehn Jahre später haben vielversprechende Ergebnisse aus neuen In-vitro-Studien mit SIT-161 gegen Parkinson und amyotrophe Lateralsklerose (ALS) Roman nun dazu veranlasst, ein neues Unternehmen auszugliedern. SigmaThera soll den Wirkstoff für den Einsatz bei neurodegenerativen Erkrankungen entwickeln.

Neues Paradigma

Das ist keine leichte Aufgabe: Mehr als 1 000 Behandlungen für Alzheimer wurden bereits ohne Erfolg getestet. „Bei der Arzneimittelentdeckung konzentriert man sich in der Regel auf ein Zielmolekül und untersucht dann Wirkstoffmoleküle, die mit diesem interagieren könnten, um so ein neuartiges Arzneimittel zu finden“, erklärt Roman. „Aber Alzheimer hat eine sehr komplizierte Pathologie mit vielen Facetten, und der Glaube daran, dass ein Angriff auf eines dieser vielen Ziele eine Lösung bieten wird, ist ziemlich naiv.“ SigmaThera stellt dieses Paradigma infrage, indem es ein Arzneimittel entwickelt, das die Funktion des zentralen Nervensystems insgesamt stark beeinflusst. Dieses Arzneimittel kann beispielsweise die antioxidative Aktivität erhöhen und verschiedene Neuroprotektionssysteme aktivieren, die das Überleben von Neuronen erleichtern. „Die Aktivierung dieses Rezeptors erzeugt auch einen Chaperon-Effekt“, merkt Roman an. „Dadurch wird die Ansammlung fehlgefalteter Proteine verringert, ein Merkmal, das bei neurodegenerativen Erkrankungen häufig auftritt.“ Die Unterstützung der EU durch das Programm Horizont 2020 hat es SigmaThera ermöglicht, zügig zur Ausweisung des Arzneimittels voranzuschreiten, ergänzt Roman. Erste Tests an Mäusen zeigen, dass SIT-161 bessere Ergebnisse in Bezug auf die neurologische Leistung und das Überleben als Riluzol liefert, die einzige zugelassene Behandlung für amyotrophe Lateralsklerose in Europa.

Studie in Marseille

Als Nächstes plant das Unternehmen, weitere präklinische Studien zur Behandlung amyotropher Lateralsklerose durchzuführen sowie das Potenzial des Arzneimittels für die Behandlung anderer neurodegenerativer Erkrankungen auszuloten und das Material für neue Patentanträge bereitzustellen. „Ziel ist die Ausarbeitung einer klinischen Studie in Marseille. Ein passendes Labor und eine geeignete klinische Forschungseinrichtung haben wir dafür bereits ins Auge gefasst“, so Roman. „Alles ist soweit vorbereitet, wir brauchen nur noch die Genehmigung der Behörden.“

Schlüsselbegriffe

NeuroPA, Antidepressivum, Psychiatrie, Alzheimer, Depression, SigmaThera, Parke-Davis, Pfizer, neurodegenerativ

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