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Wie osmanische Literatur unsere Meinung über den Mittelmeerraum mitprägte

Warum werden manche Wahrzeichen wie Istanbuls Hagia Sophia Brennpunkte für dauerhafte kulturelle und politische Debatten? OttMed hat mit der Analyse osmanischer Literatur aus dem 19. Jahrhundert den Ursprung mediterraner Narrative erkundet.

Gesellschaft

Osmanische Literatur wurde häufig entweder als Vorreiter moderner türkischer Literatur oder als Teil islamischer Literatur des Mittleren Ostens erforscht. Indem das Projekt OttMed sie in einem weiteren mediterranen Zusammenhang verortete, hat es mit Unterstützung der Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen die facettenreichen Verbindungen und Einflüsse der osmanischen Literatur aufgedeckt. OttMed hat nachvollzogen, wie osmanische Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zentrale Entwicklungen wie die Folgen des weltweiten Kapitalismus und den Untergang des osmanischen Reiches widerspiegeln. Über Themen wie Migration, Exil und Verwestlichung hat osmanische Literatur beim Aufbau des modernen Mittelmeerraumes geholfen. „Dieser Zeitraum hat Umschwünge bezeugt, die zu aktuellen politischen und kulturellen Dynamiken im Mittelmeerraum geführt haben, unter anderem dem Aufkommen von Nationalstaaten“, erklärt Ceyhun Arslan, Marie-Skłodowska-Curie-Stipendiat von der Koç Üniversitesi in Istanbul, der Projektgastgeberin. „Literaturanalysen können Probleme aufdecken, die bei quantitativen Analysen häufig übersehen werden. Somit können Konzepte und Ideen offenbart werden, welche die kulturelle und politische Elite formten.“ Zwei Arbeiten wurden bereits im Journal of Mediterranean Studies und dem Journal of Arabic Literature veröffentlicht, weitere stehen aus.

Blickwinkel und Brennpunkte

OttMed umfasste eine eingehende Lektüre literarischer Werke aus verschiedenen linguistischen Traditionen. Neben der osmanischen Sprache beinhaltete dies Französisch, Arabisch und Karamanlı, also Türkisch geschrieben mit dem griechischen Alphabet. Jede Interpretation beschrieb die Region von bestimmten geografischen und kulturellen Blickwinkeln, auch Alexandria, Algerien, Istanbul sowie Malta und Marseille. Diese kulturellen Zentren wurden Kreuzungspunkte, die verschiedene Literaturrichtungen und geschichtliche Entwicklungen beherbergten. „Ich habe Schriftwerke über verschiedene Monumente, Städte und Länder zusammengesucht, die oft in getrennten Disziplinen erforscht wurden“, fügt Arslan hinzu. „Dieses Zusammentreffen von Perspektiven half mir zu verstehen, wie ein Ort wie die Hagia Sophia, die gleichzeitig Moschee und Kirche ist, totemistisch wird. In byzantinischen, arabischen, osmanisch-türkischen und italienischen Schriftwerken vom 6. Jahrhundert bis heute konnte ich nachweisen, wie sie zu einem symbolischen Kreuzpunkt zwischen den östlichen und westlichen Zivilisationen wurde.“ Während die untersuchten Autoren ausgiebig durch den Mittelmeerraum reisten, konzentrierten Gelehrte sich meist auf Texte über ihre eigenen nationalen Kulturen und Geschichten. Dennoch zeigen sie häufig den Mittelmeerraum selbst als Stätte historischer Veränderung und kultureller Interaktion. OttMed hat herausgefunden, dass viele Texte ein ausgeprägtes Bewusstsein der reichen und komplexen Geschichte des Mittelmeerraumes aufzeigen, während die Region im 19. Jahrhundert wirtschaftliche und politische Umschwünge erlebte. „Viele osmanische Autoren wie Namık Kemal und Ziya Gökalp lebten auf Inseln wie Zypern und Malta im politischen Exil. Selbst jene, die nicht im Exil lebten, drückten häufig ein Gefühl des Unbehagens und der Besorgnis angesichts der Verlagerung politischer Grenzen und der Entwicklung von Hafenstädten aus“, sagt Arslan. OttMed griff auch auf Arbeiten der Diaspora-, Postkolonial- und Migrationsforschung zurück, um die ungleichen Machtdynamiken zwischen verschiedenen mediterranen Kulturen zu untersuchen. Arslan warnt jedoch vor der Betrachtung von Ost und West als zwei scharf getrennte Kategorien, da dies übermäßig vereinfacht ist. Laut OttMed waren späte osmanische Autoren nicht immer einfach Opfer des Imperialismus, da sie sich manchmal auf imperialistische Diskurse bezogen.

Gemeinsames Gedächtnis

OttMed umfasste auch ausgiebige Archivforschung in Bibliotheken, etwa in Istanbul oder Beirut, gleichzeitig wurden digitale Sammlungen hinzugezogen, wie die Sammlung der Türkischen Nationalbibliothek. Arslan arbeitet derzeit an zwei Büchern, die sich auf die Forschung von OttMed beziehen. Das erste, eine umfassende Analyse später osmanischer und post-osmanischer türkischer und arabischer Werke, beschreibt, wie Autoren ihre kulturelle Vision aus Interpretationen des mehrsprachigen und kosmopolitischen Erbes der osmanischen Literatur schufen. Das zweite untersucht die kulturellen Blickwinkel des Mittelmeerraumes weiter, von Orten wie Malta und Istanbul aus.

Schlüsselbegriffe

OttMed, Mittelmeerraum, Osmanisches Reich, Türkei, Byzantinisches Reich, Literatur, Hagia Sophia, Exil, Schrift, Karamanlı

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