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In Defence of Experimental Medicine: Emotional Appeals and Medical Didacticism in Germany, Britain and North America, 1870-1914

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Vermittlung medizinischen Wissens im Fin de Siècle

Die medizinische Ausbildung kann sowohl politisch als auch affektiv sein. Im Rahmen EU-finanzierter Forschung wurde untersucht, woher die westliche, fachfremde Öffentlichkeit erfuhr, was im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in der Welt der medizinischen Forschung geschah, und wie es dazu kam, ihren Wert für die Gesellschaft zu bewerten oder zu verstehen.

Gesellschaft

In einer Zeit, in der die medizinische Ausbildung besonders im Interesse der Öffentlichkeit steht, bietet das EU-finanzierte Projekt IDEM einen Einblick in jene pädagogischen Mittel und Strategien des medizinischen Establishments, mit denen das Laienpublikum vom Wert der experimentellen Medizin überzeugt werden sollte. Die Fallstudien umfassen England, Deutschland und Nordamerika in der Zeit von 1870 bis 1914. In diesem Rahmen verfasste der Marie-Skłodowska-Curie-Stipendiat Rob Boddice zusammen mit Mark Smith, angesehener Professor für Geschichte an der University of South Carolina, die theoretische und methodologische Abhandlung Emotion, Sense, Experience. Außerdem schrieb er die zentrale Monografie von IDEM mit dem Titel Humane Professions: The Defence of Experimental Medicine, 1876–1914 (erscheint im Februar 2021) sowie das populärwissenschaftliche Buch A History of Feelings (Die Geschichte der Gefühle) und einen Essay zu diesem Thema für das Digitalmedium Aeon, der fast 80 000 Leserinnen und Leser erreichte.

Eine abenteuerliche Forschungsreise

Ein Brand in der Osler Library of the History of Medicine an der McGill University in Montreal erschwerte für längere Zeit den Zugang zu Informationen. Deshalb kam es zur Verschiebung einer geplanten öffentlichen Ausstellung der primären Forschungsmaterialien des Projekts, die in der Folge an einem alternativen Ort stattfinden sollte, nur um dann durch den Ausbruch von COVID-19 verhindert zu werden. Es besteht Hoffnung, dass sie im nächsten Jahr stattfinden kann. Auf intellektueller Seite erforderte IDEM die Entwicklung eines neuen methodologischen Rahmenwerks – der neuen Geschichte der Erfahrung –, womit das Forschungsteam anfangs nicht gerechnet hatte. „Dieser Rahmen hat große Auswirkungen auf die Art und Weise, wie die Geschichtswissenschaft diese Art von Forschung in Zukunft betreiben wird, und befindet sich in vielerlei Hinsicht noch in der Entwicklung“, sagt Boddice.

Emotionen messen und verstehen

Das Gebiet der Emotionsgeschichte hat sich seit den 1980er Jahren entwickelt. Boddice hat während des letzten Jahrzehnts aktiv an der wesentlichen Ausweitung der Forschung in diesem Bereich mitgewirkt. Im Fall von IDEM beinhaltete seine methodologische Neuerung eine Verknüpfung dessen, was die Medizin als Wissenschaft unter Fachleuten und gegenüber der Gesellschaft verkündet, mit dem, was gewohnheitsmäßig in den Laboren getan wird, sowie der Art und Weise, wie Netzwerke mit sozialem Einfluss und Medienmanipulation genutzt werden, um diese Praktiken darzustellen. Die öffentliche emotionale Reaktion ist anhand von Quellen gemessen worden, die beweisen, dass medizinische Appelle entweder berücksichtigt werden oder auf Widerstand stoßen. Diese treten in Form des Schreibens in der Publikumspresse, des Engagements in für Laien bestimmten Interessengruppen und der politischen Bestätigung ihrer Wahrheit (oder Unwahrheit) auf. Im hier untersuchten Zeitraum schienen medizinische affektive Appelle in Bezug auf die Humanität der experimentellen Forschung gegenüber einem Appell einer Minderheit von Tierversuchsgegnern die Oberhand zu gewinnen.

Nächster Schwerpunkt: Erfahrungen Betroffener

Als erfahrener Forschungsstipendiat der Akademie von Finnland im Kompetenzzentrum für Erfahrungsgeschichte an der Universität Tampere arbeitet Boddice derzeit zusammen mit Bettina Hitzer an einem Sammelband über die Erfahrungswelt rund um Medizin und Krankheit im globalen historischen Kontext sowie an einem neuen Projekt zur Kulturgeschichte des Placebos. „Das Global-Stipendium war eine großartige Gelegenheit, die es mir ermöglicht hat, zwei Jahre in Montreal zu arbeiten und ein bedeutendes internationales Netzwerk aufzubauen. Das Programm hat die idealen Bedingungen für produktive Forschung und Wissensaustausch geschaffen, und ich bin der Kommission für ihre Unterstützung zu Dank verpflichtet“, schließt er seine Ausführungen.

Schlüsselbegriffe

IDEM, Geschichte, Medizin, experimentelle Medizin, medizinisches Wissen, fachfremde Öffentlichkeit, Nichtfachleute, medizinische Forschung

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