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Creative Agency and Religious Minorities: ‘hidden galleries’ in the secret police archives in 20th Century Central and Eastern Europe

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Archive erwecken die Erfahrungen religiöser Minderheiten zum Leben

Konfiszierte Artefakte und visuelle Propagandamaterialien aus geheimen Polizeiarchiven haben neue Einblicke in das Leben verfolgter religiöser Minderheiten in Zentral- und Osteuropa ermöglicht.

Gesellschaft

Religiöse Minderheiten wurden im 20. Jahrhundert unter dem Einfluss des Faschismus wie des Kommunismus häufig unterdrückt und verfolgt. Kreative Reaktionen auf die autoritäre Herrschaft waren bisher in geheimen Polizeiarchiven verschlossen, genau wie Artefakte aus deren Alltag. Das Projekt Hidden Galleries wollte diese Archive mit Unterstützung des Europäischen Forschungsrates einem neuen Publikum öffnen. Die zwei zentralen Ziele waren die Bergung von Materialien, die einen differenzierten Blick auf das Leben in diesen verfolgten Gemeinschaften erlauben, und die Entwicklung eines besseren Verständnisses, wie diese Erfahrungen noch heute die Einstellungen gegenüber staatlichen Institutionen prägen. „Die Erfahrungen religiöser Gemeinschaften wurden meist von oben betrachtet untersucht“, erklärt der Projektkoordinator von Hidden Galleries und Dozent am University College Cork in Irland James Kapaló. „Das heißt, dass die Wissenschaft sich auf die Beziehung Kirche/Staat oder die Unterdrückung bedeutender religiöser Persönlichkeiten konzentrierte. Unser Projekt hat sich jedoch den Alltag gewöhnlicher Menschen angeschaut, um die erlebten Erfahrungen wirklich zu verstehen.“

Archivsuche

Im Zentrum der Projektarbeit standen die geheimen Polizeiarchive in Ungarn, der Republik Moldau, Rumänien und der Ukraine. Das Projektteam sichtete in diesen Archiven Unmengen an Dokumentation, Berichten und Untersuchungen, um konfiszierte Materialien zu entdecken. „Wir suchten nach Gebetsbüchern, -bildern und -symbolen, Briefen und Familienfotos – Dokumenten, die eine neue Perspektive auf den Alltag ermöglichen könnten“, sagt Kapaló. Eine weitere interessante Entdeckung in den Archiven waren visuelle Aufzeichnungen – Fotos, Karten und sogar Filme –, die von der Regierung erstellt wurden, um religiöse Minderheiten in ein negatives Licht zu rücken. Kapaló war von diesen Entdeckungen besonders fasziniert. „Die Geheimpolizei führte bei diesen Gemeinschaften nicht nur Razzien durch und konfiszierte Hab und Gut; sie bemühten sich auch intensiv, während dieser Operationen visuelles Material zu erzeugen“, fügt er hinzu. „Diese Filme waren keine einfachen Rekonstruktionen. Daher müssen wir den Aufbau religionsfeindlicher Propaganda neu bewerten.“

Neue Einblicke

Die Entdeckung dieser visuellen Propaganda inspirierte das Projektteam dazu, diese Materialien an die Öffentlichkeit zu bringen. „Wir wollten dieses Material nicht einfach im Archiv verstauben lassen“, erklärt Kapaló. Das Projekt konnte Bilder an den Wänden von Galerien oder auf bestimmten Webseiten ausstellen – daher der Projektname „Hidden Galleries“, also „Versteckte Galerien“. „Dieser Schritt war sehr wichtig, da wir so direkt mit den betroffenen Gemeinschaften in Kontakt treten konnten“, sagt Kapaló. Die Ausstellung dieser Archivmaterialien ermöglichte es dem Projektteam außerdem, die Reaktion dieser Gemeinschaften einzufangen. Diese reichten von Furcht vor dem, was sie in den Sammlungen finden könnten, bis hin zu enormem Interesse und sogar dem Wunsch, ein eigenes Museum zu eröffnen. „Der Umgang mit geheimen Polizeiarchiven ist sehr komplex“, merkt er an. „Wir müssen über ethische Fragen nachdenken und Aspekte wie Zugangsrechte, die Katalogisierung der Materialien und die Ermächtigung von Gemeinschaften, sich mit gestohlenem kulturellem Erbe auseinanderzusetzen.“ Das Projekt wollte nicht nur Einblicke in das Leben religiöser Minderheiten unter autoritärer Herrschaft erlangen. Es wollte auch besser verstehen, wie diese Erfahrungen gegenwärtige Einstellungen beeinflusst haben könnten. Im Kommunismus und im Faschismus wurden religiöse Gemeinschaften häufig vom Staat gegeneinander ausgespielt, um populistische Unterstützung zu erlangen und Macht auszunutzen. Das führte zu Verschwiegenheit und Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen und Eliten, einem Phänomen, das auch heute in Teilen Europas zu beobachten ist. „Wir konnten durch das Projekt besser verstehen, wie Ideen im Autoritarismus weitergegeben wurden und wie Widerstände sich bildeten“, fügt Kapaló hinzu. „Es zeigt uns, was passiert, wenn das Vertrauen in sogenannte Sachverständige und Eliten gebrochen ist. Der aktuelle Widerstand gegenüber Sachverständigen und der Elite kann auf die autoritäre Ära zurückgeführt werden.“

Schlüsselbegriffe

Hidden Galleries, Archive, religiös, verfolgt, Kommunismus, Faschismus, autoritär, Artefakte

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