1. Abfall entsteht erst auf der Mülldeponie!
Hierbei handelt es sich um eine KI-Transkription.
00:00:16:01 - 00:00:39:17
Anthony Lockett
Hallo und herzlich willkommen zu dieser Sonderfolge des CORDIScovery-Podcasts. Heute befassen wir uns mit dem Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft und damit, wie uns dieser Weg zu einem saubereren und wettbewerbsfähigeren Europa führen könnte. Im Gegensatz zum traditionellen linearen Modell aus Gewinnen, Herstellen, Nutzen und Entsorgen wird gemäß dem Kreislaufansatz die Abfallreduzierung, die Wiederverwendung von Ressourcen und die Entwicklung von langlebigen Produkten und Systemen in den Mittelpunkt gerückt.
00:00:39:19 - 00:01:06:08
Anthony Lockett
Ich habe heute Beteiligte von drei Projekten zu Gast, die Finanzmittel aus dem EU-Programm Horizont Europa erhalten haben. Diese Projekte zeigen, wie Europa dank Forschung und Innovation eine Vorreiterrolle bei der Verwirklichung des Kreislaufprinzips einnehmen kann. Begrüßen wir zuerst Mattia Comotto. Mattia ist von Hause aus Chemiker. Er ist Projektleiter von EFFECTIVE und Leiter für Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit bei der Aquafil Group.
00:01:06:10 - 00:01:34:10
Anthony Lockett
Ivar Palk aus Estland ist bei RAIKU bio packaging für den Verkauf zuständig. Hergestellt wird natürliches, kompostierbares Verpackungsmaterial als Ersatz für Luftpolsterfolie und Einwegkunststoffartikel. Und schließlich begrüße ich Esthèle Goure, Projektakquisitionskoordinatorin im Dienstleistungsunternehmen Bio Base Europe Pilot Plant in Gent. Sie war Koordinatorin des Projekts WASTE2FUNC. Und sie ist eine erfahrene Biotechnologie-Ingenieurin.
00:01:34:10 - 00:01:59:17
Anthony Lockett
Herzlich willkommen Mattia, Ivar und Esthèle. Mattia, wenn ich mit Ihnen beginnen darf: Mit Ihrem Projekt wird das Ziel verfolgt nachzuweisen, wie biobasierte Inhaltsstoffe in vielen Sektoren vom Bauwesen bis zu Fahrzeugen, von Verpackungen bis hin zu Kleidung zur Herstellung von Produkten einsetzbar sind. Woher kommen diese biobasierten Inhaltsstoffe, und warum ist das wichtig?
00:01:59:19 - 00:02:30:08
Mattia Comotto
Nun, zunächst einmal vielen Dank für die Einladung und auch für die Frage. Die Quelle unseres biobasierten Inhaltsstoffs, den wir innerhalb des Projekts EFFECTIVE demonstriert haben, ist im Wesentlichen Zucker. Sobald Sie eine bestimmte Qualität erreicht haben, die für die Umwandlungsprozesse geeignet ist, spielt die Zuckerquelle an sich keine Rolle mehr. Es kann sich dabei um Zuckerrüben, Zuckerrohr, Stärke oder auch um Zucker handeln, die beispielsweise aus landwirtschaftlichem Abfall gewonnen werden.
00:02:30:10 - 00:02:55:21
Mattia Comotto
Die Qualität ist von zentraler Bedeutung. Kann sie erreicht werden, ist es nur noch eine Frage der Verfügbarkeit. Für die Industrieproduktion ist es natürlich auch eine Kostenfrage. Und dann stellt sich selbstverständlich auch die Frage der Nachhaltigkeit. Die mit der Zuckerproduktion verbundenen Auswirkungen auf die Umwelt müssen bei der Entwicklung einer neuen und nachhaltigeren Lösung berücksichtigt werden.
00:02:56:00 - 00:03:04:24
Anthony Lockett
Was wäre denn mit den verschiedenen Quellen dieses Zuckers geschehen, wenn Sie nicht Wege zur Wiederverwendung gefunden hätten?
00:03:05:01 - 00:03:28:14
Mattia Comotto
Die Lebensmittelindustrie verwendet eher konventionelle Zuckerquellen wie Zuckerrüben oder Zuckerrohr. Wir haben mit einem sehr großen und wichtigen Unternehmen zusammengearbeitet, das in Europa Zucker herstellt. Dort wurde uns mitgeteilt, dass es bis 2016 Quoten für die Zuckererzeugung gab.
00:03:28:14 - 00:03:57:18
Mattia Comotto
Nach 2016 wurden die Zuckerquoten abgeschafft. Natürlich stieg die Produktion, aber gleichzeitig sank die Nachfrage am Markt. Zum Beispiel sind in den Geschäften viele zuckerfreie Produktlösungen erhältlich, sodass es zu einer Art Überschussproduktion kam und versucht wurde, diese zu verwerten, anstatt sie auf Lager zu halten.
00:03:57:20 - 00:04:24:05
Mattia Comotto
Ebenso gibt es die Möglichkeit, den Anteil des Zuckers zu nutzen, der im Moment nicht hoch geschätzt wird. Worum geht es dabei? Zum Beispiel um landwirtschaftliche Abfälle, die im Grunde genommen nicht genutzt wurden. Sie können beispielsweise in Biovergärungsprozessen zur Erzeugung von Biogas und Biomethan eingesetzt werden, aber nicht für wirklich hochwertige Anwendungen.
00:04:24:07 - 00:04:40:19
Anthony Lockett
Und wenn Sie den Zucker beschafft und extrahiert haben, wie gelangt er dann in die verschiedenen Produkte, an denen Sie arbeiten? Dabei ging es doch um den Bau- und Fahrzeugsektor, Verpackungen, Kleidung, Teppiche, wenn ich das richtig verstanden habe. Wie funktioniert das?
00:04:40:21 - 00:05:04:22
Mattia Comotto
Nun, es gibt viele Umwandlungsprozesse. In biotechnologischen Prozessen agieren zum einen winzige Mikroorganismen, die Zucker fressen und Zielmoleküle erzeugen, die wir zur etwa zur Herstellung von verschiedenen Kunststofffamilien nutzen. Im Rahmen des Projekts zielen wir auf zwei Hauptfamilien ab, und zwar Polyamide und Polyester,
00:05:04:22 - 00:05:08:15
Mattia Comotto
auf globaler Ebene in breitgefächerter Anwendung befindliche Polymere.
00:05:08:17 - 00:05:09:18
Mattia Comotto
Denken Sie dabei an
00:05:09:18 - 00:05:39:06
Mattia Comotto
Kunststoffflaschen aus Polyester oder Polyamide in Form von Damenstrumpfhosen oder Regenmänteln. Es gibt somit verschiedene biotechnologische und chemische Prozesse, die durchgeführt werden, um Zucker in den endgültigen Kunststoff umzuwandeln, der dann zu Garnen, Filamenten, Folien und potenziell jeder gewünschten Anwendungsform verarbeitet werden kann.
00:05:39:08 - 00:05:41:24
Anthony Lockett
Wenn ich richtig liege, ist Ihr Projekt jetzt abgeschlossen, stimmt das?
00:05:42:00 - 00:05:43:10
Mattia Comotto
Korrekt.
00:05:43:10 - 00:05:54:14
Anthony Lockett
Könnte es denn sein, dass einige der uns Zuhörenden Produkte tragen, über Teppiche laufen oder Dinge benutzen, die bereits aus diesen verschiedenen Kunststoffarten hergestellt wurden?
00:05:54:14 - 00:06:06:04
Mattia Comotto
So weit sind wir noch nicht.
Denn wir konnten zwar mit Erfolg die Fertigung der von Ihnen erwähnten Prototypen wie Teppiche, Badeanzüge, Fahrradhosen demonstrieren, aber wir sind noch nicht im kommerziellen Maßstab tätig.
00:06:06:06 - 00:06:37:07
Mattia Comotto
Wir sind damit beschäftigt, die Feinabstimmung der Technologie vorzunehmen, und streben an, die von uns gesetzten Ziele und zentralen Leistungsindikatoren zu erreichen. Und wenn wir das geschafft haben, wird die letzte Meile darin bestehen, eine Anlage im industriellen Maßstab zu errichten, mit der große Mengen dieses Biomaterials produziert werden können, das dann in den von Ihnen erwähnten Produkten zum Einsatz kommen kann, die die Verbraucherinnen und Verbraucher dann kennenlernen können.
00:06:37:07 - 00:06:56:07
Anthony Lockett
Okay, vielleicht sollten wir im Rahmen der allgemeinen Diskussion darauf zurückkommen, denn wir sprechen im Moment viel über Start-up- und Scale-up-Unternehmen in Europa. Interessant wäre, etwas über Ihre Erfahrungen und die der anderen Gäste zu erfahren. Was könnte Ihnen dabei hilfreich sein, die nächste Stufe zu erreichen? Doch nun zu Ivar, dem Vertreter des Projekts RAIKU bio packaging.
00:06:56:07 - 00:07:14:08
Anthony Lockett
Ihr Projekt zielt darauf ab, die Nutzung von Holz als natürliches, biologisch abbaubares Material für Verpackungen zu optimieren. Können Sie uns bitte, auch wenn es ziemlich offensichtlich ist, erklären, warum es besser ist, Holz anstelle von Plastik für Verpackungen zu verwenden?
00:07:14:08 - 00:07:44:04
Ivar Palk
Bei Kunststoffen ist es natürlich der CO2-Fußabdruck, der einen großen Unterschied bei den Produktionsprozessen bedeutet. Zudem findet auch immer mehr elektronischer Handel statt und es werden mehr Produkte versandt. Andererseits recyceln 30 % der Menschen in Europa nicht. Wir brauchen somit Materialien und natürliche Stoffe, die sich selbst recyceln können. Das ist die Hauptsache dabei.
00:07:44:06 - 00:07:53:24
Anthony Lockett
Richtig, richtig. Und liege ich auch richtig in der Annahme, dass die Herstellung von Verpackungen aus Holz weniger ressourcenintensiv in Bezug auf Wasser, Energie usw. als aus Kunststoff ist?
00:07:54:00 - 00:07:55:10
Ivar Palk
Ja, natürlich.
00:07:55:12 - 00:08:39:18
Ivar Palk
Der Unterschied beträgt das Zwei- bis Dreifache. Manche Leute denken zum Beispiel, dass Papier umweltfreundlicher ist. Aber bei Papier dauert der gesamte Prozess etwa zehn bis zwanzig Stunden, während wir unser Verpackungsmaterial in dreißig Sekunden herstellen können. Es wird viel weniger Energie benötigt, mehr als 2 000 Mal weniger Wasser und außerdem 50 Mal weniger Energie.
00:08:39:20 - 00:08:48:02
Anthony Lockett
Ja, ja, ich verstehe. Und wie stellen Sie sicher, dass Sie das Holz auf nachhaltige Weise beziehen, um Abholzung zu vermeiden und so weiter?
00:08:48:03 – 00:09:39:12
Ivar Palk
Nun. Zunächst einmal bezieht unser Lieferant das Holz aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern, und außerdem erhalten wir eine Art Verschnitt von Produkten der Lieferanten, die sie nicht mehr verkaufen können, da sie nicht ihrer Nachfrage entsprechen. Diese Seite funktioniert. Außerdem ist das von uns genutzte Holz Erlenholz, das in Europa nicht so häufig verwendet wird. Es wird meist verbrannt, um Energie zu gewinnen. Die Art und Weise, wie wir das Produkt herstellen, ist derart effektiv, dass aus einem Kubikmeter Holz zwanzig Kubikmeter Verpackungsmaterial entstehen. Es läuft wie beim Herstellen von Popcorn.
00:09:39:14 - 00:09:48:07
Anthony Lockett
Und ich stelle Ihnen eine ähnliche Frage wie Mattia: Ist die Lösung, an der Sie arbeiten, gegenwärtig im Handel erhältlich?
00:09:48:07 - 00:09:55:24
Ivar Palk
Ja. Wir sind auf dem Markt und haben über einhundert Kunden in fünfzehn verschiedenen Ländern.
00:09:56:01 - 00:09:59:03
Anthony Lockett
Okay, dann haben Sie also einen anstrengenden Job als Verkäufer.
00:09:59:09 - 00:10:01:03
Ivar Palk
Genau so ist es.
00:10:01:05 - 00:10:33:10
Anthony Lockett
Okay, sehr gut. Ich wende mich jetzt an Esthèle mit Ihrem Projekt WASTE2FUNC. Sie arbeiten für Bio Base Europe Pilot Plant hier in Belgien, in Gent, ein Dienstleistungsunternehmen für biobasierte Produkte und Prozesse. Ihr Geschäft ist es, landwirtschaftliche und industrielle Lebensmittelabfälle in Rohstoffe umzuwandeln, die der Herstellung von Verbrauchsgütern dienen können. Im Rahmen des Projekts WASTE2FUNC wurde die Herstellung von Biotensiden und Milchsäure aus Lebensmittelabfällen aus der Landwirtschaft, der Lebensmittelindustrie, aus Supermärkten und Restaurants demonstriert.
00:10:33:12 - 00:10:42:06
Anthony Lockett
Könnten Sie uns vielleicht erklären, was Biotenside und Milchsäure sind und warum sie für die Herstellung dieser Art von Produkten nützlich sind?
00:10:42:08 - 00:10:46:18
Esthèle Goure
Das ist eine lange Frage, die ich viele Stunden lang beantworten könnte.
00:10:46:19 - 00:10:48:23
Anthony Lockett
Ich bitte um die kurze Antwort.
00:10:49:00 - 00:11:22:11
Esthèle Goure
Natürlich. Zur Beantwortung dieser Frage sind vielleicht zwei Dinge wirklich wichtig. Im Mittelpunkt des Projekts stehen tatsächlich Lebensmittelabfälle, Milchsäure und Biotenside. Warum das so ist? Weil Milchsäure und Biotenside überall in unserer Welt vorkommen. Ich hoffe, wir haben uns alle heute Morgen die Zähne geputzt, denn die Zahnpasta enthält Tenside und hilft zum Beispiel, den Schaum im Mund zu erzeugen. Tenside sind überall auf der Welt zu finden.
00:11:22:13 - 00:11:48:07
Esthèle Goure
Im Grunde genommen finden sie sich heute in Verbraucherprodukten wie Wasch- und Reinigungsmitteln. Aber auch Farbe, Tinte. Wenn wir schreiben, diese schönen Schwünge, die wir mit dem Stift auf dem Papier entstehen lassen, verdanken wir den Tensiden. Leider gibt eine Menge Tenside auf fossiler Basis, die allmählich verboten werden.
00:11:48:09 - 00:12:21:11
Esthèle Goure
Aber um ehrlich zu sein, bilden sie im Moment den Großteil des Marktes, und Biotenside werden bereits in zunehmendem Maße über biotechnologische Wege kommerzialisiert, wie Sie es erwähnten, aber diese beruhen auf einer Wertschöpfungskette aus Zucker der ersten Generation, was bedeutet, dass dort vorliegende Nachhaltigkeit eher schwierig zu bewerten ist. Deshalb wurde WASTE2FUNC rund um Lebensmittelabfall aufgebaut, um diese Nachhaltigkeit etwas zu verbessern und auch dem Markt neue Moleküle zur Verfügung zu stellen, die viele Anforderungen abdecken.
00:12:21:13 - 00:12:49:18
Esthèle Goure
Und bei Milchsäure handelt es sich um eine häufig vorkommende Chemikalie. Sie dient in verschiedenen Anwendungen, kann zum Beispiel als Polymilchsäure, somit als ein Polymer, im Einsatz sein. Aber bislang befindet sich nichts aus Lebensmittelabfall auf dem Markt. Aus diesem Grund drehte sich die innovative Idee dieses Projekts um Lebensmittelabfälle, um das Ganze und somit die beiden Moleküle, die den Bedürfnissen des Verbrauchermarktes entsprechen, nachhaltiger zu gestalten.
00:12:49:20 – 00:13:11:07
Anthony Lockett
Richtig, richtig. Aus der Sicht der Verbraucherinnen und Verbraucher betrachtet: Wie Sie sagen, putzen wir uns ja alle morgens die Zähne. Ich kann mir vorstellen, dass einige Leute etwas nervös bei der Vorstellung werden, sich die Zähne mit etwas zu putzen, das zum Teil aus Lebensmittel- oder Industrieabfällen hergestellt wurde. Wie können Sie den Menschen versichern, dass das alles sicher und gesund ist?
00:13:11:12 – 00:13:27:09
Esthèle Goure
Das ist eine wirklich gute Frage. Nun, bei einem europäischen Projekt gibt es immer viele Partner. Wir sind sie einzige Anlage dieser Größenordnung. Wir haben uns hauptsächlich auf den technischen Teil konzentriert, aber innerhalb des Projekts gab es auch Endnutzer, etwa ECOVER, und ECOVER hat eine Menge Konsumstudien durchgeführt.
00:13:27:09 – 00:13:58:05
Esthèle Goure
Außerdem probierten wir verschiedene Vermarktungsinteraktionen aus, um sicherzugehen, dass die Botschaften klar sind und einen Sinn ergeben. Es gab schon viele Rückschläge für das Kreislaufprinzip, weil die Menschen nicht wirklich verstanden hatten, worum es ging. Deshalb stand bei dem von uns entwickelten Prototyp das Motto „Abfall ist erst Abfall, wenn er auf der Mülldeponie endet“ im Mittelpunkt.
00:13:58:07 – 00:14:36:09
Esthèle Goure
Und diese Botschaft erwies sich im Vergleich zu all den anderen Arten von Botschaften als ziemlich stark. Ich denke, dass die Technologiebesitzer, AmphiStar für Biotenside und TripleW für Milchsäure, einiges an guten Erfahrungen gewinnen konnten, sodass sie jetzt daran arbeiten, das Produkt auf eine Weise zu kommerzialisieren, dass es den Verbraucherinnen und Verbrauchern sinnvoll erscheint. Aber es hängt wirklich vom Markt ab, denn beispielsweise sind Tenside in Agrochemikalien, beim Besprühen von Kulturpflanzen, aber eben auch in Zahnpasta und sogar in Anstrichen zu finden. Es gibt nun einmal verschiedene Märkte und daher sollte auch die Botschaft unterschiedlich lauten.
00:14:36:11 – 00:14:57:04
Anthony Lockett
Wie ich sehe, ist Ihr Projekt WASTE2FUNC jetzt auch abgeschlossen, genau wie Mattias Projekt. Wenn ich das richtig verstanden habe, waren Sie in der Phase der Prototypenentwicklung, aber noch nicht in der Phase der kommerziellen Bereitstellung dieser Produkte angekommen, aber ich meine zu wissen, dass es zwei Spin-off-Projekte gab, mit denen Sie vermutlich ein wenig weiter gekommen sind. Können Sie uns dazu etwas berichten?
00:14:57:06 – 00:15:13:02
Esthèle Goure
Ja, in der Tat. Das Unternehmen Bio Base Europe Pilot Plant koordinierte WASTE2FUNC. Und Teil dieses Projekts waren, wie ich bereits erwähnte, mit TripleW und AmphiStar zwei Start-up-Unternehmen, die ihre Technologie vom TRL fünf auf den TRL sieben bringen konnten.
00:15:13:06 – 00:15:19:13
Anthony Lockett
Vielleicht sollten wir unseren Zuhörenden kurz erklären, dass TRL ein Technologie-Reifegrad ist.
00:15:19:13 – 00:16:14:22
Esthèle Goure
Dabei geht es im Grunde darum, dass sie ihr Konzept bereits im Produktionsmaßstab nachweisen konnten. Beim Technologie-Reifegrad sieben geht es wirklich darum, über Hunderte Kilogramm zu verfügen, um die Formulierung zu verbessern und sicherzustellen, dass der Endverbraucher wie etwa ECOVER, aber auch Procter & Gamble, Unilever, bei jeder Art des Endverbrauchs das Produkt einsetzen kann. Es geht somit nicht um die Produktion in großem Maßstab, sondern es geht darum, das Risiko der Technologie zu senken, wenn in den Bau einer eigenen Fabrik investiert wird. Denn das wäre der nächste Schritt. Im Grunde genommen beantworte ich die Frage, indem ich sage, dass das Projekt WASTE2FUNC im letzten Jahr, im November, zu Ende gegangen ist, und dass wir im Verlauf dieses Jahres wieder eine Menge Finanzmittel, auch über EIC Accelerator, erhalten werden. TripleW hat im Jahr zuvor auch neue Unterstützung im Rahmen des Finanzierungsinstruments EIC Accelerator erhalten, und bekam darüber eine Menge Investitionen und verschiedene Finanzhilfen.
00:16:14:24 – 00:16:51:23
Esthèle Goure
Die Teams sind nun in der Lage, ihre Produktionskapazität für den Markt auszubauen. Parallel dazu wurden zwei europäische Projekte finanziert, bei denen ich immer noch die Biotensidlinie mit der Bezeichnung Namen Surf’s Up koordiniere, bei der wir eine Reihe verschiedener Biotenside für den Markt entwickelt haben, die auch von Ajinomoto, Unilever und Eco erprobt werden. Und für TripleW wird ein Flaggschiff gebaut. Es handelt sich dabei um eine SBO-Finanzierung, und sie bauen ihre eigene Anlage in Amsterdam. Das finde ich ziemlich cool.
00:16:52:02 – 00:17:12:11
Anthony Lockett
Okay. Überaus interessant. Dürfte ich noch einmal auf Sie zurückkommen, Mattia, denn wir haben zum Schluss die Frage gestellt, was denn erforderlich wäre, um Ihr Projekt in die nächste Phase zu bringen. Wir haben die Erfahrungen von Esthèle gehört, Sie erwähnte zum Beispiel die Finanzhilfe EIC Accelerator bei den Spin-off-Projekten. Wie lauten Ihre Pläne?
00:17:12:13 – 00:18:02:07
Mattia Comotto
Das ist eine gute Frage. Geplant ist, das Entwicklungsprogramm auf jeden Fall fertigzustellen. Wie ich bereits berichtete, hatten wir uns vor ein paar Jahren einige Ziele gesetzt, einige zentrale Leistungsindikatoren für Produktion, Erträge, Qualität usw., die wir erreichen müssen, bevor wir die letzte Meile in Angriff nehmen. Sobald wir diese Ziele erreicht haben, lautet die Aufgabe, eine kommerzielle Anlage zu errichten. Das hört sich nach einer sehr einfachen Aufgabe an, was es aber nicht ist, denn diese Aufgaben erfordern erhebliche Investitionen, und das Marktszenario ist gegenwärtig vielleicht nicht das beste.
00:18:02:07 – 00:18:03:12
Anthony Lockett
Warum ist das so?
00:18:03:14 – 00:18:51:11
Mattia Comotto
Nun, die Energiepreise, insbesondere in Europa, sind recht hoch, und Energie stellt einen wesentlichen Kostenfaktor in jeder Industrieanlage dar. Ein Schritt, den wir sicherlich noch etwas genauer untersuchen müssen, ist die Verfügbarkeit von Rohstoffen. Woher können wir Zucker zu einem vernünftigen Preis und mit einem guten Umweltfußabdruck beziehen? Es gibt somit verschiedene Bereiche, in die wir noch ein wenig tiefer eintauchen müssen, um zu einem klareren Bild davon zu gelangen, wo diese Industrieanlage gebaut und das von uns derzeit entwickelte Produkt in großen Mengen hergestellt werden könnte.
00:18:51:14 – 00:18:53:15
Anthony Lockett
Okay. Glauben Sie, dass Sie das in Europa schaffen können?
00:18:53:17 – 00:19:50:07
Mattia Comotto
Das ist sicherlich eine Option. Wir haben unser Entwicklungsprogramm in Europa durchgeführt, sodass es ein logischer nächster Schritt sein könnte, dieses Projekt mit einer Industrieanlage in Europa fortzusetzen. Auch das ist natürlich eine Möglichkeit. Wir sind dabei, sie zu erkunden. Gewiss wäre das eine fantastische Lösung, vor allem für Aquafil, das Unternehmen, für das ich arbeite, denn wir verfügen über eine einzigartige Recyclinganlage in Slowenien, in Ljubljana, in der wir Nylonabfälle, und zwar sowohl Produktionsabfall als auch Abfälle nach Gebrauch, chemisch recyceln. Das wäre eine schöne Geschichte der Nachhaltigkeit, eine Anlage in Europa zu haben, mit der Abfall recycelt werden kann, und gleichzeitig über eine andere Anlage zu verfügen, die in der Lage ist, das gleiche Polymer, die gleiche Sorte Kunststoff, aus pflanzlichen Rohstoffen herzustellen.
00:19:50:09 – 00:20:20:08
Anthony Lockett
Sehr gut. Nun möchte ich mit Ihnen dreien ein weiteres Thema erörtern und zwar das Potenzial kreislauforientierter Lösungen, sich positiv auf die Umwelt auszuwirken, aber auch einen positiven wirtschaftlichen Effekt auszuüben. Esthèle, wenn ich mich nicht irre, sind bei Bio Base Europe Pilot Plant etwa 160 Personen beschäftigt. Es wurden also eindeutig Arbeitsplätze geschaffen und es gab wirtschaftliche Aktivitäten. Wie groß ist das Potenzial Ihrer Meinung nach?
00:20:20:08 – 00:20:40:17
Esthèle Goure
Das ist erneut eine gute Frage, aber was Bio Base Europe Pilot Plant betrifft, so sind wir eine Pilotanlage und Demo-Infrastruktur in Europa. Wir helfen Start-Up-Unternehmen, KMU und Konzernen dabei, ihre biotechnologischen Prozesse zu skalieren, auf ein kommerzielles Niveau zu bringen, um sicherzustellen, dass sie entweder zu einer CMO gehen oder ihre eigene Anlage bauen.
00:20:40:22 – 00:21:04:01
Esthèle Goure
Mit den 160 Beschäftigten sind wir durchaus gut aufgestellt, aber es reicht nicht aus, dafür zu sorgen, dass alle Technologien auf den Markt kommen, sondern es geht um die Schaffung von Arbeitsplätzen und so weiter. Wir sehen das zum Beispiel bei den Start-Up-Unternehmen und wachsenden KMU wie AmphiStar. Als wir das Projekt beendeten, waren sie zu fünft, jetzt sind es 25.
00:21:04:03 – 00:21:24:23
Esthèle Goure
Diese Zahlen sind also ziemlich aussagekräftig. Das gilt auch für TripleW. Der Bau eigener Anlagen bedeutet, dass Bedien- und Technikpersonal und so weiter beschäftigt werden muss. Das ist dann sehr konkret. Und das ist den Investitionen in europäische Projekte zu verdanken, aber auch dem fortschreitenden Technologie-Reifegrad. Das ist eine feine Sache.
00:21:25:00 - 00:21:37:20
Anthony Lockett
Okay. Ivar, Sie erwähnten, dass die Produkte von RAIKU bio packaging im Handel erhältlich sind. Können Sie uns einen Eindruck davon vermitteln, welche Art von Mitarbeitenden Sie beschäftigen und welche wirtschaftlichen Gewinne Ihr Unternehmen erzielt?
00:21:38:00 – 00:21:56:07
Ivar Palk
Sicher. Im Vergleich zu den anderen sind wir eine ziemlich kleine Gruppe. Wir haben etwa zwanzig Leute. Von denen sind etwa zehn Ingenieurinnen und Ingenieure. Ja, in dieser Hinsicht sind wir noch recht jung.
00:21:56:09 – 00:21:58:09
Anthony Lockett
Und wie jung ist das Unternehmen?
00:21:58:09 – 00:22:01:00
Ivar Palk
Die Idee entstand vor etwa vier Jahren.
00:22:01:01 – 00:22:03:07
Anthony Lockett
Oha. Das ist noch nicht lange her.
00:22:03:07 – 00:22:15:23
Ivar Palk
Im ersten Jahr, als wir bei Null anfingen, gab es noch gar keine derartige Technologie, und es hat viel Zeit gekostet, herauszufinden, wie das Ganze gelingen könnte.
00:22:16:00 - 00:22:20:00
Anthony Lockett
Und gibt es Pläne, das Unternehmen auf eine neue Ebene zu bringen?
00:22:20:02 – 00:22:41:19
Ivar Palk
Selbstverständlich. Das Team ist gerade dabei, sich zu vergrößern. Denn wir verzeichnen eine Spitzennachfrage. Aber wir müssen auch diese Nachfrage befriedigen. Also erhöhen wir die Produktion. Außerdem planen wir für die nächsten Jahre zum Beispiel nach Frankreich zu expandieren, wo es einen großen Luxusmarkt gibt.
00:22:41:21 – 00:22:49:23
Anthony Lockett
Was wäre dabei die größte denkbare Herausforderung? Ist es die Suche nach Infrastruktur, nach Kapital oder nach den richtigen Talenten, damit Ihr Unternehmen wachsen kann?
00:22:50:00 – 00:23:05:01
Ivar Palk
Nun. Eben diese Produktion zu steigern, neue Maschinen anzuschaffen. Denn ansonsten sind die Maschinen ziemlich modular aufgebaut. Wir können den Maßstab vergrößern, was in dieser Form einzigartig ist. Aber ja, diese Erweiterung ist schwierig.
00:23:05:03 – 00:23:26:12
Anthony Lockett
Okay, okay. Eine letzte Frage an Sie alle drei. Wenn Sie in einem Satz zusammenfassen müssten, wie Sie die Menschen ermutigen wollen, welche positive Botschaft würden Sie den Menschen da draußen vermitteln? Um sie dazu anzuregen, Kreislauflösungen in Betracht zu ziehen? Was wäre das in aller Kürze? Mattia, würden Sie bitte beginnen?
00:23:26:14 – 00:24:04:08
Mattia Comotto
Sicher. Ich gehe von dem aus, was Esthèle gerade sagte: Abfall ist kein Abfall, solange er nicht auf der Mülldeponie endet. Sicherlich können alle an der Umsetzung von Verordnungen in die Realität mitarbeiten. Denn wir sollten vermeiden, dass Produkte als Müll enden. Sie können als neue Ressource oder als Sekundärrohstoff der Herstellung von Produkten nach dem Kreislaufprinzip dienen. Das ist ganz gewiss ein Schlüsselthema.
00:24:04:10 – 00:24:07:16
Anthony Lockett
Ich danke Ihnen vielmals. Esthèle, haben Sie etwas hinzuzufügen?
00:24:07:18 – 00:24:31:17
Esthèle Goure
Sicher. Ich möchte die positive Seite hervorheben. Ich kann Ihnen versichern, dass es über die Kreislaufwirtschaft hinaus Wachstum gibt und dass Arbeitsplätze geschaffen werden. Und die Technologie ist spannend, auch wenn wir keine künstliche Intelligenz oder Roboter erschaffen, aber die Technologie ist ziemlich innovativ, hat ihre Stärken, und ich denke, es lohnt sich tatsächlich, etwas tiefer zu graben und etwas mehr zu investieren.
00:24:31:19 – 00:24:33:13
Anthony Lockett
Vielen Dank, Esthèle. Und Ivar?
00:24:33:17 – 00:24:50:06
Ivar Palk
Meiner Meinung nach sollten wir keine Angst davor haben, neue Produkte und Dinge auszuprobieren. Wenn Sie sich auf der Seite der Verbraucherinnen und Verbraucher befinden oder für Entscheidungen in Unternehmen verantwortlich sind, sollten Sie sich nicht scheuen, Neues auszuprobieren und ihm eine Chance zu geben. Vielleicht fangen Sie an, es zu mögen, wer weiß.
00:24:50:08 – 00:25:24:07
Anthony Lockett
Recht herzlichen Dank für diese positiven abschließenden Worte. Vielen Dank an unsere Gäste für ihre Teilnahme, und an Sie, dass Sie sich diese Folge angehört haben. Folgen Sie uns auf Spotify und Apple Podcasts und besuchen Sie die Podcast-Homepage auf der CORDIS-Website. Melden Sie sich an, damit Ihnen nicht die spannendsten Forschungsergebnisse der EU-finanzierten Wissenschaft entgehen. Weitere Informationen und Projektbeispiele finden Sie auf der CORDIS-Website, auf der Website der Europäischen Kommission für Forschung und Innovation und in unserem Online-Magazin Horizon. Wir werden die Links in die Sendungsnotizen zu dieser Folge einfügen.
Einer Kreislaufwirtschaft näherkommen
Diese Sonderfolge von CORDIScovery kommt direkt von den Europäischen Forschungs- und Innovationstagen(öffnet in neuem Fenster) zu Ihnen. Wie können wir die Verbraucherinnen und Verbraucher von der Sicherheit und den gesundheitlichen Vorteilen von aus Abfall hergestellten Produkten überzeugen? Worin bestehen die Herausforderungen, wenn es darum geht, die Produktion auf ein kommerzielles Niveau anzuheben? Und wie können wir die Menschen dazu ermutigen, Abfall als Ressource zu nutzen und innovative Technologien zu akzeptieren? Unsere Gäste profitierten von der Forschungs- und Innovationsfinanzierung und sind nun auf der Suche nach den besten Ideen, um den Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft zu unterstützen. Mattia Comotto, Leiter für Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit bei der Aquafil Group, konzentriert sich auf den Einsatz biobasierter Inhaltsstoffe aus Zuckern einschließlich Zuckerrüben und Zuckerrohr zur Herstellung nachhaltiger Kunststoffe in verschiedenen Sektoren. Er koordinierte das Projekt EFFECTIVE. Koordinator des Projekts RAIKU bio packaging ist Ivar Palk. Das Ziel lautet hier, Holz als natürliches, biologisch abbaubares Verpackungsmaterial als Ersatz für Kunststoffe zu verwenden, eine effiziente Energie- und Wassernutzung zu erreichen und Verschnitt aus nachhaltigen Quellen einzusetzen. Die Arbeit des von Esthèle Goure geleiteten Projekts WASTE2FUNC konzentriert sich auf die Umwandlung von Lebensmittelabfällen und landwirtschaftlichem Abfall in Biotenside und Milchsäure für Verbrauchsgüter und schafft damit eine Alternative zu Tensiden auf fossiler Basis.
Wir freuen uns darauf, von Ihnen zu hören!
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