Ist KI kreativer als wir?
Kreativität wurde immer als ein einzigartiges Nebenprodukt des menschlichen Bewusstseins betrachtet – als charakteristische menschliche Eigenschaft. Hier liegt der Unterschied zwischen uns Menschen und der Welt der Technik und Maschinen. Jüngste Forschungsarbeiten haben jedoch gezeigt, dass ChatGPT bei kreativen Aufgaben bereits den Durchschnittsmenschen übertreffen kann. Können Maschinen die Menschen im Bereich der Kreativität einholen oder sogar übertreffen? Werden kreative Menschen wie Schriftsteller, Designer und Künstler bald von Maschinen ersetzt?
KI kontra menschliche Kreativität
Ein Forschungsteam unter der Leitung von Karim Jerbi vom Fachbereich Psychologie an der Universität Montreal in Kanada führte den bisher größten Vergleichstest zwischen menschlicher und maschineller Kreativität durch. Im Rahmen eines standardmäßigen Kreativitätstests ließ das Team über 100 000 Teilnehmer aus Australien, Kanada, Neuseeland, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten gegen neun der fortschrittlichsten KI-Systeme antreten. Die Testergebnisse zeigten, dass GPT-4 dabei besser abschnitt als der Durchschnittsmensch. Googles Gemini Pro entsprach immerhin der durchschnittlichen menschlichen Leistung. Allerdings benutzte GPT-4 immer wieder dieselben Wörter. In 70 % der Antworten wurde der Begriff „Mikroskop“ genannt, gefolgt von „Elefant“ (60 %). Da es für die menschlichen Probanden selbstverständlich war, Wiederholungen zu vermeiden, war das von ihnen am häufigsten genannte Wort „Auto“ (1,4 %), gefolgt von „Hund“ (1,2 %) und „Baum“ (1 %). „Auch wenn die KI bei bestimmten Tests inzwischen das Kreativitäts-Niveau von Menschen erreichen kann, müssen wir dieses irreführende Gefühl des Wettbewerbs überwinden“, erklärte Studienmitautor Jerbi in einer Pressemitteilung(öffnet in neuem Fenster). „Allem voran ist die generative KI ein extrem leistungsfähiges Werkzeug im Dienste der menschlichen Kreativität geworden: Sie wird nicht kreative Menschen ersetzen, sondern die Art und Weise, wie sie Dinge erfinden, erforschen und erschaffen, tiefgreifend verändern – zumindest für jene unter ihnen, die sie sich zunutze machen.“ Die Probanden wurden beim Test dazu aufgefordert, in weniger als vier Minuten 10 Wörter zu nennen, die so wenig wie möglich miteinander zu tun haben. Wenn die Bedeutungen der Wörter weiter voneinander entfernt waren, wurde die Kreativität der Personen höher bewertet.
Triumph der kreativen Fähigkeiten
Auf der anderen Seite übertrafen die besten 10 % der kreativen Menschen ausnahmslos jedes getestete KI-System. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“(öffnet in neuem Fenster) veröffentlicht. Zudem testeten die Forschenden KI-Modelle und Menschen bei kreativen Schreibaufgaben, darunter Haikus, Filmzusammenfassungen und Kurzgeschichten. Auch hier schnitten die kreativsten Personen besser ab als die KI, insbesondere bei Gedichten und Inhaltsangaben. Interessanterweise schnitt GPT-4 Turbo, eine schnellere, kostengünstigere und verbesserte Version von GPT-4, beim Test deutlich schlechter ab. Demnach sind neuere KI-Modelle nicht unbedingt kreativer. Das liegt laut Vermutung der Forschenden daran, dass neuere Versionen auf eine höhere Geschwindigkeit und Kosteneffizienz ausgelegt sind – möglicherweise auf Kosten der Kreativität. „Unsere Studie zeigt, dass einige KI-Systeme, die auf großen Sprachmodellen basieren, bei klar definierten Aufgaben die durchschnittliche menschliche Kreativität mittlerweile übertreffen können“, kommentiert Jerbi. „Dieses Ergebnis mag überraschend oder sogar beunruhigend sein. Dennoch unterstreicht unsere Studie eine ebenso wichtige Beobachtung: Selbst die besten KI-Systeme bleiben hinter dem Niveau zurück, das die kreativsten Menschen erreichen können.“ „Indem sie die menschlichen und maschinellen Fähigkeiten einander gegenüberstellen, fordern uns Studien wie die unsere dazu auf, neu zu überdenken, was wir unter Kreativität verstehen“, schloss er.