Wie indigene Gesellschaften vom ‚verschwindenden Volk‘ zu globalen Akteuren wurden
Die indigenen Völker werden schon seit langem missverstanden. Während eines Großteils des 20. Jahrhunderts glaubten viele Anthropologen, dass indigene Gesellschaften im Verschwinden begriffen seien – eine falsche Annahme, die auf einer veralteten, kolonialen Weltsicht beruhte. „Missionierung, Kolonialismus, Wissenschaft und Kapitalismus, die über Jahrhunderte hinweg auf globaler Ebene zusammengewirkt haben, sind in vielerlei Hinsicht auf der Annahme aufgebaut worden, dass sogenannte minderwertige Gesellschaften sich den dominanten Kräften anpassen müssen, um überleben zu können“, erklärt Philipp Schorch, Professor für Museumsanthropologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Doch fast zwei Jahrzehnte nach der Verabschiedung der Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte indigener Völker sind Vertreter indigener Völker nun bei wichtigen globalen Initiativen wie dem Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen sowie dem Humboldt-Forum in Berlin vertreten. Indigenes Wissen wird auch in der wissenschaftlichen Welt zunehmend genutzt, um globale Herausforderungen zu bewältigen. Im Rahmen des Projekts IndiGen(öffnet in neuem Fenster), das vom Europäischen Forschungsrat(öffnet in neuem Fenster) finanziert wurde, untersuchten die Forschenden den Weg der indigenen Völker von einer Gesellschaft im Niedergang zu einem wichtigen Akteur auf der Weltbühne. Durch eine multidisziplinäre Analyse, die mehrere Fachbereiche umfasste, versuchte das Projekt, die verschiedenen internationalen Verflechtungen zu entwirren, die diese Sichtweise geprägt haben, und zu untersuchen, wie sie für die Zukunft neu definiert werden könnte. „Viele indigene Menschen haben es immer verstanden, Neues zu übernehmen und sich anzupassen, ohne dabei ihre Identität und ihr Selbstverständnis zu verlieren“, sagt Schorch. „In unserem Projekt haben wir solchen indigenen Geschichten von Widerstandskraft, Flexibilität und Kreativität Raum gegeben. In einer Zeit, in der alternative Wege des Wissens und des Seins gefragt sind, sind solche Geschichten von globaler Bedeutung“, fügt er hinzu.
Erforschung der so genannten indigenen Renaissance
Das Projekt IndiGen versuchte, globales Wissen und lokale Erfahrungen in einen gemeinsamen Rahmen einzubinden, um die historischen Momente und Prozesse zu identifizieren, die anthropologische und andere wissenschaftliche Diskurse geprägt haben. Dazu gehörte auch eine gemeinsame Studie über die Art und Weise, auf die indigene Menschen externe Ansichten über sich selbst annehmen. Außerdem wurden durch Forschung, Filme und Ausstellungen Elemente der Kontinuität sowie des Wandels untersucht, die der Präsenz indigener Völker zugrunde liegen. „Unser Projekt war zutiefst kollaborativ angelegt und brachte indigene wie nicht-indigene Künstlerinnen und Künstler, Kuratorinnen und Kuratoren, Filmemacherinnen und Filmemacher sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz Amerika, dem Pazifikraum und Europa zusammen, um gemeinsam zu erforschen und zu formulieren, was es bedeutet, im 21. Jahrhundert indigene Identität zu leben“, erklärt Schorch. „Dabei haben wir die Grenzen der Disziplinen Kunst, Film, Geschichte, Anthropologie und Museologie überschritten.“
Dokumentation eines radikalen Wandels des Wissens
Schorch stellt fest, dass die Zusammenarbeit über mehrere Standorte hinweg entscheidend für den Erfolg des Projekts war, das sogar während der COVID-19-Pandemie fortgeführt wurde. „Die Art und Weise, wie wir gearbeitet haben, und das kulturübergreifende Wissen, das wir erarbeitet haben, spiegeln sich in unseren Veröffentlichungen, Filmen und Ausstellungen wider“, fügt er hinzu. Indem das Projekt in so vielen Medien gearbeitet hat, konnte ein deutlich breiteres Publikum erreicht werden als durch reine akademische Forschung, so Schorch weiter, wobei er zugleich die Bedeutung der wissenschaftlichen Arbeit für die Veränderung der Gesamtwahrnehmung hervorhebt. „Indigenen Perspektiven die Möglichkeit zu geben, in europäischen Kontexten wirksam zu werden, bedeutete einen radikalen Wissenswandel im Vergleich zu den ursprünglichen Kontexten von Missionierung, Kolonialismus, Wissenschaft und Kapitalismus, die vor Jahrhunderten verschiedene Welten miteinander verstrickten“, merkt er an.
Fortgesetzte Verbreitung indigener Geschichten
Die Forschendenr gehen davon aus, dass die Ergebnisse ihrer Arbeit, einschließlich Veröffentlichungen, Filmen und Ausstellungskatalogen, durch den offenen Zugang weiterhin in der ganzen Welt verbreitet werden. Mehrere wichtige Veröffentlichungen werden in diesem sowie im nächsten Jahr erscheinen, während Schorch weiterhin mehrere damit verbundene Projekte leiten wird. „Diese werden ebenfalls Wissen erzeugen und verbreiten, das darauf abzielt, Menschen zum Umdenken und Neugestalten anzuregen“, schließt er. „Angesichts des Zustands der Welt ist dies dringend, dringend notwendig.“